Die Technologie, die wir verdienen.
 
Der Wahrheitswert von Photographien wurde schon lange bevor Photoshop sich in der Kunstwelt die Geltung verschaffte, die es heute hat, in Frage gestellt, und zwar in einem viel umfassenderen Sinn. Der Fall des von der Polizei zusammengeschlagenen Rodnev King ist ein vertrautes Beispiel dafür. Wie oft hat man nicht gehört: „Seit Rodnev King kann man ja nicht mehr glauben, was man sieht.“? Solche Bemerkungen treffen jedoch nicht den Kern der Sache: Als die erste Rodnev King-Jurv die Polizisten freisprach, gingen die Leute ja gerade auf die Strasse, weil sie glaubten, was sie in dem berühmten Video gesehen hatten. Ferner gibt es natürlich grosse Bereiche, in denen der Wahrheitsanspruch der Photographie schon immer fragwürdig war: Die Phantasiewelt der Werbung etwa wurde zusehends ironischer (ohne deshalb an Wirkung zu verlieren), je weniger die Konsumenten zu glauben bereit waren, dass sie durch das angepriesene Produkt in den Genuss von mehr Frauen/Schönheit/ Freiheit kommen würden. Heutzutage scheint jedoch die Vorstellung zu herrschen, dass solche Fragestellungen in einer digitalen Bilderwelt ohnehin sinnlos seien. Rodnev King anzuführen, um zum x-ten Mal darauf hinzuweisen, dass der Wahrheitswert von Photographien (trotz ihres Indiziencharakters) schon immer kontextabhängig und damit fragwürdig gewesen sei, ist ebenso anachronistisch wie zu behaupten, die digitale Technologie habe einen grundlegenden Wandel bewirkt. Obwohl wir die scheinbare Zuverlässigkeit der Photographie gern als Wahrheitsgarantie betrachten, sind Photographien - genau wie alle anderen Bilder auch - schon immer Gegenstand der Interpretation gewesen.

Noch perfider: jene, die die Digitalisierung als Revolution preisen, stützen sich auf den Fortschrittsglauben - am liebsten würde ich sagen: dot.com- Glauben -‚ dass die Kultur von der Technologie bestimmt wird. Das Gegenteil ist der Fall, da, einfach ausgedrückt, sich nicht alles verändert hat, nur weil es ein paar Bilder gibt, die künstlich generiert sind und sich kaum noch auf die Natur berufen. Um das etwas auszuführen, möchte ich eine zuerst vielleicht eher konstruiert wirkende Verbindung herstellen zwischen der (prä-digitalen) photographischen Vermittlung des Körpers in Chris Burdens Performancekunst und der digitalen Umsetzung von Beziehungen zwischen Körpern und Technologie in den jüngsten Arbeiten von Aziz + Cucher. Die Berührungspunkte zwischen diesen beinahe dreissig Jahre auseinander liegenden Beispielen lassen erkennen, dass es sehr viel umfassendere kulturelle Strömungen sind, die bestimmten, was ausgedrückt werden kann, auch wenn die Technologie immer wieder nette Ausdrucksformen ermöglicht.
Chris Burden gehört zu einer Gruppe von Künstlern. deren Performances in den 70er Jahren (auch wenn sie körperlich an die äusserste Grenze gingen) ihrer Zwiespältigkeit in Bezug auf das Publikum vollkommen bewusst waren. Will heissen, diese Künstler wandten sich sowohl an das unmittelbar gegenwärtige Publikum wie auch an die Mehrheit jener Leute, die der Arbeit erst in ihrer photographisch dokumentierten Form begegnen würden. Vom Photographen und anderen Mitarbeitern einmal abgesehen, fanden viele von Burdens Performances vor ganz wenigen Zuschauern oder ganz ohne Publikum statt. Also hatte die Verbreitung dieser radikalen Aktionen in Form von Photographien und Begleittexten von vornherein eher virtuelle Qualität. Und von einigen der Photos, auf denen Burden selbst gar nicht zu sehen ist, wie etwa das Schliessfachbild zu FIVE DAY LOCKER PIECE (Fünf Tage im Schliessfach, 26. - 30. April 1971) oder das Bild der Plattform zu WHITE LICHT / WHITE HEAT (Weisses Licht / Weisse Glut, 8. Februar - 1. März 1975), kann man eigentlich nicht sagen, dass sie die in den Texten beschriebene Erfahrung belegen (selbst wenn wir ihnen Glauben schenken). Das Photo-Dokument des entscheidenden Moments von DOORWAY  TO HEAVEN (Himmelstor, 15. November 1973) schliesslich zeigt ein Bild, das niemand so gesehen haben kann: es ist ein reines Produkt der Phototechnik, genau wie digita1e Bilder Produkte der Computertechnologie sind. Die lakonische Beschreibung des Bildes lautet: Um sechs Uhr abends stand ich an der Uferpromenade von Venice unter der Tür zu meinem Atelier. Ein paar Zuschauer beobachteten, wie ich mir zwei unter Strom stehen de Elektrodrähte in die Brust stiess. Die Drähte berührten sich und bewirkten einen Kurzschluss, was zwar Verbrennungen hinterliess, mich jedoch vor dem tödlichen elektrischen Schlag bewahrte.

DOORWAY  TO  HEA\EN lieferte eines der sensationellsten Photos im Rahmen von Burdens Werk. Der Kopf des Künstlers, sein nackter Oberkörper und seine Hände scheinen aus dem Dunkel hervorzutreten. Die Hände in Taillenhöhe halten mit beinah flehender Geste je ein Stück Elektrodraht, die auf seiner Brust aufeinander treffen und eine spektakuläre Funkenkaskade auslösen. Es sieht aus, als käme die kleine Explosion direkt aus seiner Brust, die von einem Blitz erleuchtet wird, der gleichzeitig ein geradezu überirdisches Licht nach oben wirft und dramatische Schatten auf Burdens Gesicht zeichnet. Die gesenkten Augen scheinen geschlossen;; die Miene unbewegt. Ob die im Text erwähnten Zuschauer eingeladen oder zufällig anwesend waren, ist unklar; nach dem Photo zu schliessen ist das auch nicht so wichtig. Der „dokumentierte,, Augenblick war so für niemanden wahrnehmbar. Wie Johannes Lothar Schröder bemerkte: “Sekundenbruchteile später hätten die Nerven den Verbrennungsschmerz bereits ans Gehirn weitergeleitet und das Gesicht wäre schmerzverzerrt gewesen. Die Gleichzeitigkeit von ruhigem Gefasstsein und lebensgefährlichem Kurzschluss wären dem blossen. vom Blitz geblendeten Auge entgangen. Also kann die Simultaneität, die das Bild so aussergewöhnlich macht, auch für den Photographen nicht sichtbar gewesen sein. DOORWAY TO HEAVEN ist ein Photo von etwas, das im entscheidenden Augenblick niemand gesehen hat. Man wirft Burden manchmal vor, seine offensichtliche Risikofreudigkeit laufe auf eine romantische Verklärung des Künstlers hinaus . Meiner Meinung nach ist er jedoch viel raffinierter. Ich verstehe den Titel DOORWAY TO HEAVEN eher ironisch. Sein Himmel scheint eine Art Abgrund zu sein, irgendwo zwischen der Aktion und dem Photo. Der Eingang zum Atelier ist in diesem Fall das Tor, durch das sein Körper als Photographie in Umlauf kommt.

Das könnte ein Hinweis auf die abgründige Struktur der digitalen Welt sein, die voller Bilder von Dingen ist, die eigentlich keiner gesehen hat, voller Kombinationen, die nicht wirklich den Erwartungen entsprechen (obwohl dies auch schon eine Verknüpfung mit bestehenden Konventionen impliziert Burdens  unvermindertes Interesse an den Beziehungen zwischen dem Körper und verschiedenen Maschinen ist ein Ausdruck dieser Welt. 

So zeigt zum Beispiel die kürzlich entstandene, computerbearbeitete bzw. -erzeugte (das lässt sich mittlerweile nicht mehr unterscheiden) Photoserie Interiors (Innenräume, 1999—2000) von Aziz + Cucher architektonische Räume und Details, die von einer Haut überzogen sind oder aus Haut bestehen: Ein sommersprossiger Korridor verliert sich in der Ferne; ein Gesims scheint zu atmen. Während der Körper beim Aufeinandertreffen mit der Technologie in Burdens Werk noch auf eine gefährliche Probe gestellt und später als bildliche Darstellung verbreitet wurde, ist er in diesen Bildern sehr viel diffuser und gruseliger wiedergegeben, da Organisches und Anorganisches, Fleisch und Raum eins werden.
Selbst wenn diese Räume nur auf Photos existieren. so sind sie doch keine puren, mit technologischen Mitteln erzeugten Phantasiegebilde, denn schliesslich haben wir alle schon Haut, Räume, Korridore und Ecken gesehen. Und wir sind mit dem Surrealismus vertraut. Das soll nicht heissen, dass Aziz + Cuchers Arbeit eine Art Collage mit anderen Mitteln ist, aber die Kombinationen ihrer computergenerierten Bilder ist nicht das Produkt dieser Technologie. Die Nahtlosigkeit, mit welcher Haut zu Wand und schliesslich zur bildlichen Darstellung gerinnt. mag neu sein, so dass man sagen könnte, dass wir der Technologie eine nette, früher noch nicht mögliche Form der visuellen Metapher verdanken. Aziz + Cuchers Photos sind allerdings Metaphern für die Hilflosigkeit und den Schrecken, welche die Aufhebung der Grenzen zwischen Menschlichem und Nichtmenschlichem auslösen, aber auch für die Faszination und den Horror, die mit jedem Fallen von Grenzen verbunden sind. Mindestens genauso stark wie der digitalen Technologie sind Aziz + Cucher also einer langen Reihe bereits bestehender, alles andere als neuer Ängste unserer Zivilisation verpflichtet -man denke nur an Frankenstein.
In Burdens vielleicht unbeabsichtigt hinterhältiger Reflexion über den Wahrheitsanspruch der Photographie blieb der Himmel (und in einem weiteren Sinn auch jede Darstellung überhaupt) notwendig an die Technik der Photographie gebunden, an die Geschwindigkeit der Kameraoptik, die das menschliche Auge austrickste. Aziz + Cuchers photographische Bilder sind Produkte einer anderen Technologie, die - zumindest in ihren Händen - eher zur Selbstreflexion tendiert. Ihre digitalisierte Hautarchitektur verzichtet auf den schon immer fragwürdigen, empirischen Wahrheitsanspruch der Photographie und zeigt nicht den Himmel, sondern ein Überall-und-Nirgendwo, das uns dazu auffordert, über die Einflüsse der Technologie auf die Kultur, aus der sie entspringt, nachzudenken.

Frazer Ward  (Übersetzung: Uta Goridis)


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