Elisabeth Steger
HAMLET

hamlet-this is your family ein kinofilm von p.kern als dokumentation über die Inszenierung von hamlet - this is your family (zürich, schauspielhaus 2001) durch c. schlingensief der film gehört ins fernsehen. abendprogramm. hauptsendezeit. Wie schon 1920 milena jesenska in einem ihrer essays (alles ist leben) feststellte, ist es oberflächlich und überflüssig eine konkurrenz zwischen theater und kino herauszustellen. beide ergänzen sich geradezu wunderbar, wie "hamlet-this is your familiy" auch zeigt. schlingensief kennt keine scheu, wenn es darum geht, ein stück mit dingen zu bereichern, die auf den ersten blick vielleicht nichts mit dem stück an und für sich zu tun haben. auf den ersten blick eben. möge das alteingesessene und alt-idiotische (Canetti) Abonnement-Publikum ruhig die aufführung entrüstet verlassen: damit habt ihr nicht gerechnet: daß es einen theater-regisseur gibt, der euch spüren läßt, daß ihr mit euren ärschen an euren abonnement-sesseln genauso bequem klebt wie an euren eingestellten zurechtgelegten vorurteilen und meinungen, und daß euch nichts andres bleibt, als stürmisch das theater zu verlassen, wenn euch das theaterfeuer den kleber zwischen stuhl und arsch aufweicht: ja, geht. Wie Peter Kern bei der filmpremiere im wiener metro-kino erzählt: Der Sound einer legendären Hamlet-Fassung wird eingespielt. Gustaf Gründgens spielte 1936 die rolle, die "die Krönung aller männlichen Schauspielerkarrieren darstellt. Hamlet: der skeptische Mensch, fragend, zweifelnd." (Der Schauspieler und die Macht-Gustaf Gründgens Peter Michalik, 2000) Gustaf Gründgens: Ich will handeln, aber ich muß wissen, weil ich sonst nicht handeln könnte. (dazu Nestroy: Der Dumme glaubt, und der Glaube macht selig, ja man kann nichts Gscheiteres tun. der Gscheite zweifelt, Zweifel ist Höllenqual, ja man kann nichts Dümmeres tun.) wen interessiert denn hamlet u. shakespeare? theaternarren und literaturfreaks? (außer theater-abonnenten natürlich die am nächsten tag stolz ihren kollegen und freundinnen erzählen wir waren im the-aaater! Hamm-let! Shaakes-bier!) Und die ÖsterreicherInnen, die in ihrem neu gewählten Literaturkanon den Hamlet an die zweite Stelle setzen. (in virginia woolfs jakob's zimmer werden shakespeares gesammelte werke einfach über bord gespült und den fluten überlassen: weg sind sie, aufgeweicht und fortgespült) (und auch valie export findet wenig gefallen am männlichen theater-über-vater-mythos) Der gebildete Massenmensch, was weiß der denn von HAMLET? Jaaaa: Sein oder nicht sein! Sei es zum 1000000 sten male wiederholt und rezitiert! "nur wer das überleben trainiert (und das bilderlesen gelernt) hat, überlebt und das sind stets die mehr oder minder deformierten kinder der eltern, der verbrauchten welt. schlingensiefs familientraining vermittelt überlebenstraining für die, die auch das sehen trainieren möchten." dietrich kuhlbrodt 1989 also: die schule des sehens im familienkreis vor der abendlichen glotze, vor der deutsch-sprachigen glotze. also: deutschland, österreich, schweiz. warum: weil es neben dem SEHEN auch ums HöREN geht. wenn es einer/m nicht schon vergangen ist. oder gerade dann. das notwendige: wendet es die not? Sepp Bierbichler sagt in Engagement und Skandal/Alexander Verlag Berlin: Schlingensief ist im Moment genau die richtige Existenz. Vor allem wegen der Schnelllebigkeit. Ich glaube, Du brauchst eine unglaubliche Energie - die der noch hat - Du mußt wirklich pausenlos sein können. Es ist ja nicht zufällig, daß es den Schlingensief jetzt gibt. Das ist eine Notwendigkeit, die aus der Gesellschaft herausgepreßt oder geschissen worden ist. Und was hört man und frau da, im kino: sprache. deutsche sprache. und die ist eine gesprochene und geschriebene und gelesene und tradierte und sich entwickelnde und eine beherrschte. Beherrscht? bemannscht? befrauscht? bedamscht? "Die Revolution findet heutzutage auf dem Theater statt" meint Franz Schuh in seinem Text: Magerquark und Knäckebrot -Meditationen zu Motiven von Canetti's Masse und Macht. Wobei er vergißt oder nicht weiß, daß "der Auftrag" von Müller schon vor Jahren ‚ nein, nicht am steilen heiligen Burgtheater, sondern vom Volxtheater Favoriten dort und daselbst gespielt wurde. Das nur zwischendrin. schlingensief's arbeiten zugrundeliegende sicht kann sehr wohl als feministische sicht bezeichnet werden, im trauten performance-familien-kreis. das ist hier die frage: was heißt feministisch? um das auf einen, zugegebenermaßen, groben nenner zu bringen: das begehren, die lust, der wille, der mut, die wut und die tat zur veränderung. ja, ihr kritisöre: der traum ist besser als gar kein traum. von wegen ausgeträumt. "Dieser Verlust jeglicher Utopie scheint in unserer heutigen technisierten Welt in einem solchen Maße fortgeschritten zu sein, daß jeder Gedanke an einen möglichen Ausweg aus der Misere schon als naives Unterfangen bzw. als ein Verdrängen der Realität ausgeschlossen wird." Arno Böhler, Das Gedächtnis der Zukunft 1884 hatte Helene Druskowitz (1856-l918,die erste promovierte philosophin österreichs) gewagt, die philosophie friedrich nietzsches zu kritisieren, und zwar dieses über alle maßen strapazierte zitat mit der zum kotzen bekannten peitsche. bitte, bitte, liebt österreich. (interessant ist ja, daß die worte in "also, sprach zarathustra" von einer alten Frau gesprochen werden) nietzsche nannte Helene Druskowitz deshalb: eine literatur-gans. wenn nun c.schlingensief 2001 hergeht und dieses zitat in seiner aufführung, in seinem filmdokument umdenkt, umsagt und umfilmt, also urnschreibt, indem er die peitsche durch den geist ersetzt, dann ist das einfach wahnsinnig nett von ihm. oder? wenn eine philosophin 1905 in ihren pessimistischen kardinalsätzen (der mann als logische sittliche unmöglichkeit und als fluch der welt) nietzsche kritisiert,juckt das keine sau. wer kennt die schon? schlingensief kennt sie wahrscheinlich auch nicht. tötet schlingensief. wenn ich jetzt zum 8. Male den namen schlingensief schreibe, würde das nicht genügen, um in der flut der text-und-bilder-welt aufmerksamkeit zu erreichen? für was? für wen? für Wien? mediales sein oder nicht sein, von wem? "schlingensief's kreativität nutzt den film als bilder-medium in seiner ganzen breite. die expressivität, die im stummfilm möglich war, wird wieder gegenwart." schreibt dietrich kuhlbrodt 1989 schlingensief's film ist wunderbar: neurotisch, geil, spannend, propagandistisch, herausfordernd, lustig. deswegen gehört er ins fernsehen. (oder ist er nur progressiv?) wann werden die Männer verstehen, daß Feminismus keine Angelegenheit der Frauen ist, die ausschließlich Frauen betrifft? schnatter, schnatter elisabeth steger, zum fest der ewigen familie im dezember 2001 wien! favoriten


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