SAM ASHLEY  -  JENS BRAND

Sam Ashley

"A Fish Clinging to Water" ist eine Abenteuergeschichte, bei der es um Leben und Tod geht, und die das"Herbeiwünschen" "glücklicher" Umstände miteinbezieht - obwohl es an der Oberfläche um Verblendung zu gehen scheint... Ich bin einmal am Amazonas gewesen und in Spionagefotografie verwickelt worden (im Namen Der Kunst und aus Protest). Am Schluß wurde ich von der peruanischen PIP verfolgt, den Todeskommandos. Egal, die Geschichte ist von jenem Abenteuer abgeleitet und erzählt, wie ich als "Witchdoktor" aus dem Land kam. Dem Stueck liegt dabei eine Vokaltechnik der Besessenheit zu Grunde, bei der "ich" jedoch der Aufführende bleibe.

"The Truth about Matter" besteht aus aufgenommenen Applaus. Das Stück kann daher auch als Klanginstallationen aufgeführt werden. Die Grundidee ist, eine komplexe Geräuschquelle zu präsentieren, die für hörbare "Halluzinationen" sorgt. Meiner beschei- denen Meinung nach bietet dafür "Applaus aus der Dose" einen interessanten musikalischen Weg.

"Swept off My Feet and Carried Away" (work in progress) ist eine (noch) in Arbeit befindliche musikalische Fassung von Klängen, die ich während "Kundilini"-Erfahrungen außerhalb meines Körpers gehört habe: ein Akkord, der alle nur möglichen Töne enthält, aber dennoch kein weißes Rauschen ist. Auch dieses Stück kann als Klanginstallation aufgeführt werden.

" I’d Rather Be Lucky Than Good" (work in progress) ist ein ironisches Stück und existiert zugleich nur als kollektive Halluzination. Per Telefon hat mir eine Organisation ein "kostenloses" Glücksspiel-Wochenende in Las Vegas angeboten, falls ich an einem Verkaufsseminar über Pauschalreisen teilnehme. Mein Plan ist, eine kleine Geldsumme zusammenzutrommeln, diese auf jenes Glücksspielwochenende mitzunehmen, um sie dann gegebenen Falls dann mittels schamanistischer Methoden vermehren zu können. Aus dieser Erfahrung (was auch immer sie sei) wird die Geschichte für das Stück, einer modernen Parallele zu Bildern, wie sie in sehr alten Höhlenmalereien zu finden sind. Die Aufführungen verwenden wiederum eine Version von Besessenheit als Technik.

"Harry the Dog That Bit You" ist eine Werwolfgeschichte ohne Monster. Stattdessen geht es vielmehr um dessen spirituelle Realisation eines Mythos. Ausgangspunkt dieses Stückes ist das Geschäft mit "Zauberbännen". Wurden die mit Werwölfen verbundenen negativen Vorstellungen, etwa vom Christentum eingeführt, um einheimische europäische Mystik zu unterdrücken? Man beachte die Parallelen in der Werwolfverwandlung und in der Geschichte des sterbenden und wiederauferstehenden Jesus. Das Stück besteht aus Liedern, die meine Experimente mit dem widerspiegeln, was in seiner extremsten Erscheinung eine Werwolfverwandlung wäre. Die Interpretation eines Liedes daraus ist "Mosquitolove".

"Cooties" ist ein anderes Stück, in dem eine einfache Handlung oder Geschichte an der Oberfläche als Vehikel, bzw als Plattform dient für die Aufführung von etwas, das mit heutigem Schamanismus verwandt ist. Hier sind es ‘Geschichten aus dem Leben’, die in zwanghafter Weise immer exzentrischer werden. Das Stück spielt mit der Theorie, dass an der Wurzel allen Verhaltens die Sexualität sitzt, und dass exzentrisches Verhalten irgendwie ein Ausdruck davon ist. ‘Schamanistisch’ gesprochen macht es sich allerdings ein bisschen über die schon an sich nie endende Suche nach Vollständigkeit (nach dem Eros) lustig.

"Paris in the the Spring" (work in progress) handelt auf allerungewöhnlichste Weise von Glück. Im Moment habe ich nur eine Gliederung / einen Abriss. Die Geschichte wird wahrscheinlich für eine Aufführung von mehreren Charakteren geschrieben (werden). Vielleicht wird es auch ein Film.

" Every Heaven Is the Best One" ist für gewöhnlich ein reines Perkussionsstück, mit dem ich ein einfaches, aber hoffentlich schönes Fenster auf den schamanistischen Prozess hin öffnen will. Ursprünglich war sie ein Bestandteil eines Stücks namens "Seeing Things". Besessenheit und (im Gegenzug dazu) Exorzismus bewegen sich langsam in mich hinein, zu- und abnehmend in dem Ausmaß, in dem der Exorzismus betont wird. Die Grundidee ist hier, das Spiel der Perkussionsinstrumente auf ihre einfachste Ebene zu reduzieren ­ jede Hand und jeder Fuß spielen jeweils nur ein Instrument -,um dann die jeweiligen Instrumente den sich ändernden Prozess von Besessenheit versus Exorzismus in jedem Arm oder Bein zu enthüllen (sowie eine Lautstärkepegelanzeigen eines Tonbandgeräts). Man könnte es auch mit dem "Geistklopfen" [spirit rapping] in Séancen vergleichen. In der "Einleitung" werden die Geister beschworen, dann findet das Phänomen des Kanalisierens wirklich statt, und am Schluss ist das Spielen unwillkürlich.

" Seeing Things": Wann immer man vermeint, etwas zu sehen, das nicht wirklich da ist, glaubt man nicht nur, etwas zu sehen, sondern man sieht tatsächlich etwas, das schnell von vermeintlich "wirklicher" Wahrnehmung ersetzt wird .Um 1980 herum wollte ich versuchen, diesen Effekt auf der Bühne zu reproduzieren, durch Beschwörung eines Geistes, mit dem ich recht vertraut geworden war. Der Geist hatte die Fähigkeit, die Wahrnehmung eines Raumes zu verändern, oder den Raum selbst (wer kann das schon mit Sicherheit sagen?).

Jens Brand

Jens Brand lebt und arbeitet in Dortmund. Neben autodidaktischem Erlernen verschiedener Musikinstrumente und kompositorischen Arbeiten, studierte er bildende Kunst an der Kunstakademie Münster.
Als Gründungs und Vorstandsmitglied von MeX, einem Vereins zur Förderung intermedialer und experimenteller Musikprojekte zeichnet er seit 1992 mitverantwortlich für Konzertreihen und Austellungsprojekte in verschiedenen Städten Nordrhein-Westfalens und andern Orts.
Aus seiner intensiv betriebenen Auseinandersetzung mit Kunst und Musik entstand ein künstlerisches Vokabular, das von der Vermischung unterschiedlicher Medien geprägt ist. Eine besonders Augenmerk gilt dabei der Überarbeitung technischer Möglichkeiten und der Reduktion auf scheinbar Unwesentliches.
Ultraschallsensoren ermitteln die Verdundstungsgeschwindigkeit von Whiskey, die 'autofocus' Funktion der Videocamera dient der Erzeugung pulsierender out-of-focus Bilder, Basslautsprecher bringen Möbel und Gläser zum Vibrieren.
Im Kontext der den Austellungsort bestimmenden Gegebenheiten stehend, bilden technische Ungegenständlichkeit und Humor häufig anzutreffende Bestandteile seiner Arbeiten.
Eine Mischung von Distanz und Nähe erzeugend, vereinnahmen sie Umfeld und Publikum. Es entstehen gleichermaßen komplexe wie banalen Formen, bei der Kunst als unbelastete Basis oder Hintergrund einer produktiven Kommunikation zu Verfügung gestellt wird.
"[...] Etwas eigenes zur Aufführung bringend, bemühe ich mich in erster Linie darum, daß mir das Aufführen ein Anliegen ist. Das Aufgeführte, der Charakter, die Form oder der Inhalt ist in diesem Moment zweitrangig. Wesentlich ist in dem Fall die Absicht und das Gegenwärtige des Aufführens.
Erzähle ich beispielsweise einen Witz, so erweist sich stets die Erzählhaltung und das Erkennen oder Erschaffen des Kontextes als der Schlüssel zum Erfolg. Der Inhalt, die Qualität und die Form des Witzes ist beim Witzeerzählen von sekundärer Bedeutung. So kann selbst ein Meisterwitz sich als gnadenloser Fehlgriff erweisen, während der Witz den alle kennen bei entsprechenden Vortrag zu überzeugen versteht."

Jens Brand, VII.1996
Aus.:Jens Brand: "Von einem, ...der auszog das Fürchten zu lernen." erschienen 1996 in : Postionen - Beiträge zur Neuen Musik ,28,  im Rahmen einer Diskussion des Werkbegriffs in der Musik und Kunst


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