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ELISABETH
STEGER
Schau sich eine/r das an ! Zur Performance
von Norbert Klassen / Performance-Tage Pfäffikon, Januar 2000
"It´s impossible to describe a performance"
Zbigniew Warpechowski / Under my closed eyelids ( Black market International
( "Europa" 1998/99 ) Dies kann auch keine Kritik über die
Performance von Norbert Klassen sein. dazu fehlt mir der rechte Abstand.
Schreibexperiment über flüchtige Augenblicke. Mitteilung von Tätigkeiten:
erzählen, ansammeln, erfahren, auflesen, vorstellen,setzen Protokoll,
von und zu, einer ungeheuerlichen Begegnung
1. Der Performer löst sich auf
2. Die Betrachtende sieht sich in ein Fenster verwandelt
"Doch da das Gefühl ihrer Selbstständigkeit immer lebhafter in
ihr ward und sie bedachte, dass der Stein seinen Wert behält, er mag
auch eingefaßt sein, wie man wolle, so griff sie eines Morgens, da
sich das junge Leben wieder in ihr regte, ein Herz, und ließ jene
sonderbare Aufforderung in die Intelligenzblätter von M... rücken,
die man am Eingang dieser Erzählung gelesen hat."
" Die Marquise von O.... / Heinrich von Kleist / 1810 April 2000
/ Wien.
Nach einer Dialogführung durch die Ausstellung Beckett/Naumann in
der Kunsthalle erzähle ich einer Freundin von der Performance von
Norbert Klassen. sie fragt mich völlig erstaunt: Und wann war das
? Januar 2000/ Performance-Tage Pfäffikon. Dazu eingeladen fahre ich
nach Pfäffikon um mir dort Performances anzusehn, und auch die Schwarze
Lade. Vorbei an und über verschneite Berge, 9 Stunden Zugfahrt, das
ist es mir wert. (Ich hätte den erstaunten Schalterbeamten am Südbahnhof
in Wien, der den Namen "Pfäffikon" wohl zum ersten Mal in
seinen Computer eingab gerne fragen gehört: Ist das dort, wo der Pfeffer
wächst ?, aber das tat er nicht.) Ich schau mir also , unter anderem,
die Performance von Norbert Klassen an, und es findet eine ungeheuerliche
Begegnung statt.
Ich: Du, der hat sich aufgelöst.
Sie: Und wie hat er das gemacht ?
Ich: Er hat eigentlich gar nichts gemacht. Er hat sich auf einen Stuhl
gesetzt. Hat Gegenstände auf den Kopf gestellt und vorgestellt. Sie:
Das erinnert mich an einen russischen Performer, mit denen ich zusammen
arbeite. Die sprechen oft von Auflösung.
Das ist doch unfassbar. Unbegreiflich. Ungeheuerlich. Aber wunderbar
anschaulich. Hauptsächlich anschaulich. "Von solchen Gedanken
aus erscheinen mir die erwähnten Beeinflussungsexperimente Konrads
noch stärker als Experimente mit den Möglichkeiten der Kommunikation,
Handlungen als Nachrichten, Wahrnehmungen von Verzerrtheiten, der
Situation als Berichtigung des konventionellen identifikatorischen
Wortgebrauchs; seine Idee einer Dichtung aus Körperbewegungen und
Vorzeigen von Gegenständen, von Begegbenheiten als unverbrauchten
Kodes, nicht als Wirklichkeit, auf die die Worte sich zu beziehen
haben. Daß inhaltliche Kommunikation (über das Bewußtsein des Hörers
nicht zu erzwingen ist und daß sich Steuerung auf formale Verfahren
(Arrangement der Umwelt) beschränken muß, die durch adäquate Verständnisse
stets neutralisiert werden können, das ist nicht Resignation, sondern
Hoffnung." (Oswald Wiener/einiges über Konrad Bayer/1978 Der
Luftballon war, nachdem er platzte hin und gerissen Und Ich, I, eye,Ei
die hauptsachen anschauend ganz Auge für eine Spanne und staune (staunenden
Menschen steht immer der Mund offen) April 2000/ etwas später / Waldgasse
/ Wien wie ich da so in der Küche sitze - Ich sitze da in der Küche.
Der Wind bahnt sich wieder einmal seinen Weg durch alle Ritzen. In
dieser windigen Stadt. Die Türflügel erbeben bei jedem Stoß und sie
schlagen unrhythmisch gegeneinander. Das Bild taucht auf. Aus der
Nachbarwohnung dringen Staubsaugergeräusche herüber. Ich höre die
Wasserleitung Wasser leiten und ein Kind niesen. Der Mann, der, der
sich auflöst, erscheint. Er ist körperlich sehr da. Gegenwärtig. Was
hat er denn getan ? Was hat er mir getan ? März 2000 / Wien Ich sehe
den Dokumentarfilm " Divorde Iranian style " von Kim Longimotto
1998 (nach einer Idee der anthropologin Ziba Mir-Hosseini ). Er handelt
von gerichtlichen Scheidungsverfahren im Iran. Ein schönes bemerkenswertes
Detail: Die kleine Tochter der Gerichtschreiberin, die ihre Mutter
im Gericht besucht, setzt sich, als der Richter die Stube verläßt,
auf seinen nun freigewordenen Stuhl, klopft mit der Hand auf den Tisch
und sagt, den Richter nachäffend: Lassen sie mich, während sie ihre
Mütze über den Kopf zieht, lassen Sie mich meinen Turban aufsetzen.
Auflösung. Wind, wenden, Wandlung .( Beim Fernsehen, als Kind, wen
wir uns gegenseitig die Sicht auf dem Bildschirm verstellt haben,
hieß es immer: Ist dein Vater Glaser ?) Mai 2000 / Wien Bei einer
Ausstellungseröffnung im Semperdepot erzähle ich Katharina Zakravsky
(Performerin, Theoretikerin) von der Performance von Norbert Klassen.
Bilder und Worte verdauend rühre ich mich nicht und laß den Wind reden
berührt von der Tatsache daß sich der Mann auflöst furchtlos in dem
Zimmer für mich alleine entdecke ich wieder einen Lurch den der Wind
mir gesammelt hat und in das Zimmer getragen hat. " Aber das
eigentliche Organ der Liebe bleibt das Auge. " B.Nieslony / Anthropognosie
/Universalpoesie / Ars Viva / 1988/89 Evelyn Fox Keller (Liebe, Macht
, Erkenntnis/männliche oder weibliche Wissenschaft 1985, New Haven
/ London zitiert Ernest Schachtel (Metamorphosis 1959/N.York) der
Rainer Maria Rilke zitiert: "Damirt du einen Gegenstand zu dir
sprechen lassen kannst, mußt du ihn einen Zeitlang für den einzigen
halten, der existiert, für das einzige Phänomen, das sich durch deine
hingebungsvolle und ausschließliche Liebe ins Zentrum des Universums
gestellt sieht." Tatsächlich: Durchsichtig schauend so gesehn
unsichtbar geworden so getan buchstäblich aufgelöst Mai 2000 / Wien
Bei einem Versuch diesen Text auf eine Diskette zu speichern, unterläuft
mir ein Fehler und ich lösche die Diskette, statt sie auswerfen zu
lassen. Ausgelöschter Auflösungsbericht. Nachher erzähle ich Dominik
Castell (Schauspieler, Regisseur) von der Performance von Norbert
Klassen. Er sieht die Auflösung als Manifestion. " so wahr ich
Menschen des täglichen Lebens kenne, sage ich Ihnen, daß diese das
Körpergefühl ihrer geistigen Persönlichkeit verloren haben."
Dialog über die Religiosität der Gegenwart, Ich + Der Freund / Frühe
Arbeiten zur Bildungs- und Kulturkritik / Walter Benjamin, ohne Zeitangabe.
Walter Benjamin, ein verbissener ... Leser von Stifters Erzählungen
schreibt in einem Brief von 18. 12.1917: Ich las viel in Stifter,
ein Schriftsteller hinter dessen wenig auffallender Aussenseite und
scheinbarer Harmlosigkeit sich ein großes moralisches und großes ästhetisches
Problem verbergen. Das ästhetische Problem ist, daß er nur auf der
Grundlage des visuellen schaffen könne." (Ruth Klüger / der eingerichtete
Mensch: Innendekor bei Adalbert Stifter, 1994 " da in diesem
Becken buchstäblich nie ein Wind weht, so ruht das Wasser unbeweglich,
und der Wald und die grauen Felsen, und der Himmel schauen aus einer
Tiefe heraus, wie aus einem ungeheurn schwarzen Glasspiegel. Über
ihm steht ein Fleckchen der tiefen, eintönigen Himmelsbläue. Man kann
hier tagelang weilen und sinnen und kein Laut stört die durch das
Gemüt sinkenden Gedanken, als etwa der Fall einer Tannenfrucht oder
der kurze Schrei eines Geiers. " ( Adalbert Stifter/Der Hochwald/die
Waldburg/1855/1940
Möge geschätzte/r Leser/in in dieses Protokoll meinen kleinen Exkurs
in den Böhmerwald des 19. Jahrhundert verzeihen. " Früher war
das Fahren eine Erfahrung, an dessen Ende man als ein Verwandelter
ankam." lese ich da heute... wenn das so ist, dann muß das alles
schon viel früher gewesen sein.
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