SEON MYUNG HEE
Thema Erinnerung:
In dem schriftlichem Teil meiner Diplomarbeit beschäftige ich mich
mit biographischen Fäden, die durch verschiedene Bilder, persönliche
Erfahrungen, familiäre, natürliche, nachbarschaftliche, kulturelle
und traditionelle Auseinandersetzungen verknüpft sind und die meine
Erinnerungen beschreiben. Ich möchte diese Fäden mit meinen Performances
verbinden. Deshalb werde ich meine schriftliche Arbeit mit meiner
Performancebiographie eröffnen, weil diese die Hintergründe und
für mich als Motivation sehr wichtig sind. Ich werde während der
Arbeit immer wieder die Bezüge zwischen meinen verschiedenen Performances
zu meiner Erinnerung erzählen, und werde sie zuerst in ihrer Rolle
während meiner Kindheit darstellen. Beginnen werde ich die Performancebiographie
und die Erinnerungen mit Personen, beispielsweise eine koreanische
Schamanin, der ich bei der Arbeit zugesehen habe, die sie für die
Gesundung meiner Geschwister zelebrierte.
Nicht nur die Begegnung mit der Schamanin und die anderen, noch
zu erzählenden Begegnungen, sondern auch das geworfenen Salz blieb
mir stark in der Erinnerung und damit werde ich ein zweites, für
meine Performance-Arbeit wichtiges Element in die theoretischen
Gedanken einführen, das Material.
Salz
Als ich etwa drei Jahre alt war, bekam meine Mutter einen Knaben und
ich dadurch einen weiteren Bruder. 6 Monate später wurde mein Bruder
krank und meine Tante besuchte uns, sie brachte eine Schamanin mit,
welche das Baby von bösen Geistern befreien sollte. Die Schamanin
kam am frühen Morgen zu uns. Dann machte sie etwas eine Zeremonie,
die ich nicht verstanden haben. Ich kann mich noch deutlich daran
erinnern, das die Schamanin eine grosse Menge grobes Salz gegen uns
warf. Mein älterer Bruder und ich flüchteten hinter den Tisch meines
Vaters. Wir hatten sehr viel Angst bekommen.
Salz = wichtiges Nahrungsmittel = Erhaltungsmittel = Asepsis
In meinen Performances verwende ich Salz, um meine Selbstreinigung
darzustellen.
Fisch
Als ich etwa fünf Jahre alt war, wohnte meine Familie in einem Haus
in der Nähe von einem Fluss, der zur Bewässerung der Reisfelder diente
und dessen Wasser auch als Trinkwasser genutzt werden musste. In der
Umgebung war die Erde gerodet. Eines Tages sah ich einen grossen Fisch
(ca. 20 cm) im Fluss, der wegen einer Überschwemmung irgendwoher geschwommen
kam. Er erschien mir damals krank zu sein. Ich wollte den Fisch mit
den Händen fangen. Aber ich konnte nicht, da das Wasser zu schnell
floss. Der Fisch schwamm davon. Ich war sehr traurig und enttäuscht.
Fisch = Lebewesen = Bedürfniss = mein erster Misserfolg
Ich verwende Fisch, um Linderung und Heilung von meinen Misserfolgen
zu erlangen.
Rohe Schweineleber
In meiner Heimat werden oft Schweine geschlachtet. Zum Beispiel vor
den Feiertagen. Die Bauern schlachteten sie in ihren Höfen. Zufällig
war ich einmal mit meinem Vater dabei. Das tote Schwein wurde mit
heissem Wasser von seinen schwarzen Borsten befreit. Dann sah es ganz
blass und weiss aus. Die Haut sah Babyhaut oder rasierter Männerhaut
sehr ähnlich. Das war sehr lustig und elend zugleich. Ein Mann schnitt
dem Schwein den Bauch auf und nahm die Innereien heraus. Die Leber
dampfte noch, als er sie auf einem Teller zerschnitt und den Zuschauern
mit Salz anbot. Mein Vater fragte mich: "Myung Hee! Willst du
ein Stück probieren? Rohe Leber ist gut für die Augen!" Ich habe
das erste Mal rohe Leber gegessen. Das war nicht schlecht. Ein besonderer
Geschmack, aber kein Ekel. Ich folgte meinem Vater auf Schritt und
Tritt. Ich war da etwa sieben Jahre alt
Rohe Leber = Opfer = Energie = neues Leben
In meinen Performances verwende ich rohe Schweineleber, um an die
vielen Morde zu erinnern, die in unserer Welt geschahen und noch geschehen
werden.
Begegnung
Mein Vater hatte endlich ein besseres Haus in einem anderen Dorf gekauft.
In diesem Dorf gab es etwa 18 Häuser. Neben unserem Haus wohnte ein
40-jähriger Mann, der nach und nach wahnsinnig geworden war. Da er
nicht als Bauer in den Reisfeldern gearbeitet hatte, war er sehr speziell
für das Dorf. Meistens blieb er in seinem Zimmer, um zu lesen oder
zu denken. Er hatte viele dicke Bücher. Er schwieg immer und sah intelligent
aus. Ich hatte von seiner Mutter gehört, dass er an einer Universität
studiert hatte. Danach hatte er in Seoul gearbeitet und eine schöne
Freundin gehabt. Aber nun war er arbeitslos und einsam. Im Sommer
ging er mit einer Angelrute zum Fischen. Ich meinte, er wollte seine
einsame und langweilige Zeit mit der Natur verbringen. Wenn er einen
Fisch gefangen hatte, warf er ihn in den Fluss zurück. Dann angelte
er weiter bis zum Sonnenuntergang. Manchmal folgte ich ihm mit seinem
Halbbruder. Der Halbbruder war mein Mitschüler, meine Mutter gab ihm
oft zu essen. Er kam oft zu uns, weil er bei meiner Familie besser
essen konnte. Ich besuchte meinen Mitschüler manchmal wegen des 40-jährigen
Mannes. Dieser behandelte mich nicht freundlich, aber auch nicht unfreundlich.
Das Haus hatte ein dunkles Zimmer mit einem Holzboden. Dort gab es
eine schöne und grosse Keramik. Früher hatte sein Vater viele Felder
gehabt. Aber er hatte sie jetzt nicht mehr, da er wegen seinem ältesten
Sohn alles verkaufen musste. Eines Tages sah ich ihn das Haus verlassen.
Er trug einen eleganten, traditionellen Sommeranzug. Ich frage seine
Mutter wohin er ginge. Sie antwortete mir: "Er geht nach Seoul,
um den Präsidenten zu besuchen." Ich glaubte ihr nicht. Mein
Vater kannte den Präsidenten besser als er, da mein Vater während
der Wahl für ihn geworben hatten. Nach einigen Tagen kam er wieder
zurück. Danach blieb er zuhause. Ein oder zwei Jahre später zeigte
er seine Halbschwester bei der Polizei an. Er behauptete, dass sie
seinen Reis vergiftet hätte, um ihn zu töten. Viele Polizisten kamen
und untersuchten den Fall. Sie wurde nicht ins Gefängnis geworfen.
Einige Tage später machte er etwas besonderes neben seinem Haus. Er
schlug eine Glocke mal schnell, mal langsam in Richtung
Osten. Und er murmelte Bannformeln vor sich hin. Die Wände bemalte
er mit roter Farbe. Eines Tages wurde er in eine psychiatrische Klinik
eingewiesen.
Begegnung = Geist = Seele = Psyche = Wille = Motiv = Sinn. Mensch
= Gesellschaft = Isolation & Kommunikation
Wegen dieser Begegnung verwende ich eine Angelrute und eine Glocke
in meinen Performances.
Reis
Meine Oma ging manchmal in einen buddhistischen Tempel, um für ihre
sieben Kinder und ihre 21 Enkelkinder zu beten. Vor ihrem Haus gab
es eine presbyterianische Kirche. Aber sie ging niemals in diese Kirche,
sondern sie ging über zwei Stunden zu Fuss in den Tempel. Wenn sie
in den Tempel ging, brachte sie immer Reis als Gabe. Als ich noch
ein Kind war besuchten viele Bettler und buddhistische Mönche mit
Schultersäcken mein Zuhause. Meine Mutter gab ihnen immer viel Reis,
viel mehr als die Nachbarn. Das zu wissen machte mich froh. Reis war
damals wie Geld im Dorf. Damit konnte man andere Nahrungsmittel kaufen
oder tauschen.
Reis = Armut = Reichtum = Gemeinschaft = Politik
Da unsere Welt voller Ungerechtigkeit ist, will ich mit Reis um mehr
Gerechtigkeit bitten.
Strohschnur
Oft konnte ich in meiner Heimat über den Eingangstoren vor den Höfen
eine Strohschnur gespannt sehen. Wenn Kohlestücke und Seetang daran
hingen, war ein Mädchen geboren worden. Wenn Kohlestücke und Peperoni
daran hingen, war ein Knabe geboren. Kohle war für die Abwehr von
bösen Geistern gedacht. Dann war ich immer besonders aufgeregt und
freute mich, weil es im Dorf wieder ein neues Baby gab. Wenn eine
Frau ein Mädchen bekam, wurde sie von der Schwiegermutter getadelt.
Dies ist Tradition, auch in Korea. Wenn z.B. eine Frau vier oder fünf
Mädchen bekam, suchte ihr Mann eine andere Frau, um Söhne zu bekommen.
Verhältnis Mann und Frau in Korea = Tradition = Feminismus
Mit der Strohschnur versuche ich, Mann und Frau zu verbinden, um damit
ihre Konkurrenz aufzuheben.
Kleiderwechsel
Als ich etwa neun Jahre alt war, interessierte ich mich sehr für Kleider.
Mein Vater verdiente wenig Geld für unsere Familie. Damals verdiente
ein Beamter weniger als heute. Deshalb handelte meine Mutter mit Kleidern
im Dorf. Morgens ging sie aus dem Haus, um die Kleider zu verkaufen,
und abends kam sie zurück. Sie trug ein grosses Kleiderpaket auf dem
Kopf. Sie war eine sehr fleissige und gute Mutter. Wenn sie neue Kleider
von der Stadt gebracht hatte, schrieb sie an jedes Stück den Preis.
Dann sass ich neben ihr und schaute mir die Kleider an. Wenn ein Kleid
mir gefiel, fragte ich meine Mutter ob ich es haben könnte. Sie erlaubte
es mir immer. Wenn ich von der Schule heim kam, war meine Mutter nie
da. Der Babysitter von meinem jüngsten Bruder wartete auf mich. Anstatt
meine Hausaufgaben zu machen, ging ich mit meinen neuen Kleidern aus,
um meine hübsche Figur zu zeigen.
Kleider = Individualität = Geschmack = Oberfläche = Erscheinung
Der Kleiderwechsel soll in meinen Performances auf die Zugänglichkeit
unter Menschen verschiedener Gruppen mittels Kleider hinweisen.
Damenschuhe (High Heels)
Meine erste Schullehrerin war schön. Sie war attraktiver als meine
Mutter. Sie trug westliche Kleider und Damenschuhe aus Leder. In der
Zeichenstunde in der Schule zeichnete ich dann mit Krayon meine Lehrerin
mit den Damenschuhen.
Damenschuhe = Globalisierung
Mit den High Heels weise ich auf den Einfluss der westlichen Welt
auf unsere traditionelle Kultur hin.
Kosmetik
Meine Mutter hatte einen Schminktisch, darin gab es Puder, Lippenstifte,
Augenbrauenstifte und Gesichtscreme. Als ich zum ersten Mal die Grundschule
besuchte, sah ich viele hübsche Mädchen und ich bekam einen Schock.
In meiner Familie war ich die einzige Tochter. Ich meinte, ich wäre
die schönste. Dann ging ich am nächsten Tag mit geschminkten Augenbrauen
in die Schule. Meine Lehrerin rief mich: "Komm nach vorne!"
Ich musste vor den 60 Mitschülern und 10 Eltern stehen. Sie sagte
mir: "Schminken ist für Kinder verboten!" Ich war traurig.
Kosmetik = weiblicher Instinkt = Eitelkeit = Erfindung
Beim Schminken handelt es sich vorwiegend um eine weibliche Domäne
und wird in meinen Performances auch als solche behandelt.
Begräbnis
Auf dem Rückweg von der Schule hörte ich manchmal Grabgesang und das
Klingeln von einem Begräbnis. Der Begräbniszug war entweder sehr lang
oder kurz, je nach dem Reichtum des Toten. Vorne ging ein Junge mit
einem Foto des Toten. Hinter ihm ging der Grabsänger, klingelnd und
singend. 10 Sargträger trugen die Totenbahre, die die Nachbarn des
Toten mit Papierblumen verziert hatten. Dahinter ging weinend die
Familie. Die Verwandten gingen mit bunten Wimpeln auf den Begräbnisplatz.
Vom Strassenrand schauten die Nachbarn traurig zu. Das machte mich
auch traurig.
Tod = Ritual = gesellschaftliche Stellung = Leben nach dem Tode
Um im Leben richtig mit den Dingen, die für das körperliche Überleben
wichtig sind, umzugehen, muss man sich immer den Tod vor Augen halten.
Das ist für mich sehr wichtig.
Rituale
Mein Vater ging mit meiner Familie zur Grossmutter, um die Todestage
meiner Vorfahren zu feiern. Meine Grossmutter blieb mit ihren Enkelkindern
in ihrem Haus, um zu kontrollieren, ob ihre Kinder und Schwiegertöchter
den Tisch für die Verstorbenen richtig deckten. Ein Onkel mahlte Reis
im Hof, ein anderer Onkel schälte Kastanien, und noch ein anderer
Onkel polierte die Geräte, die bei der Opferungen benötigt wurden.
Mein Vater schrieb jeweils sechs oder sieben chinesische Schriftzeichen
mit Tusche auf koreanisches Papierblätter. Ich glaube, dass das schöne
Formen waren. Meine Mutter und meine vielen Tanten kochten den ganzen
Tag lang in der Küche, und arbeiteten im Hinterhof und im Gemüsegarten.
An der Zeremonie nahmen nur die Männer teil, es begann um Mitternacht.
Ich durfte an der Zeremonie nicht teilnehmen. Schade! Ich meinte aber,
dass ich es unbedingt sehen musste. Heimlich konnte ich sehen, wie
mein Onkel Reiswein in einen Becher goss, und wie mein Vater vor dem
gedeckten Tisch etwas murmelte und das Papier mit den chinesischen
Schriftzeichen verbrannte. Sie grüssten zwei mal vor dem gedeckten
Tisch. Warum grüssten sie zwei mal? Ich hatte keine Ahnung
davon. Auf dem Tisch gab es viele Speisen: Reis, Suppe, Fische, Obst,
traditionellen koreanischen Kuchen. Ähnlich wie an einem Feiertag,
einer Hochzeit aber es war doch anders. Am nächsten Tag konnte
ich vor dem Haus in der Ecke neben der Strasse etwas Essbares sehen.
Ich dachte, eine meiner Tanten hatte es nach der Zeremonie oder am
Morgen dort hingestellt.
Ritual = Nachts = Lebensmittel für die Ahnen = Schriftzeichen und
Papier = Tradition
Amerikanische Soldaten
In der Nähe meiner Heimat wurde 1946 ein amerikanischer Militärflughafen
eingerichtet. Während der Kolonialzeit war dort früher eine japanische
Flugschule. Auf einem Berg wurde 1960 eine Raketenbasis erbaut. Deshalb
konnte ich auf den Strassen viele amerikanische Soldaten und Offiziere
sehen. Die Offiziere fuhren in Jeeps und trugen Pistolen, und die
Soldaten fuhren in Lastwagen und trugen Maschinengewehre. Die Soldaten
warfen manchmal Kaugummi und Schokolade zu den Kindern. Einige Schüler
gingen zu ihnen. Ich fühlte mich etwas unbehaglich. Vielleicht hatte
ich genug Taschengeld für Süssigkeiten.
Macht = Militär = Imperialismus
Diesen Punkt habe ich in meinen Performances noch nicht bearbeitet.
Aber ich sehe ihn in der Zukunft als wichtig an.
Schluss
Meine Performance ist meine Erinnerung.
Meine Performance ist meine Sprache.
Meine Performance ist mein Denken.
Meine Performance ist mein Schmerz
Meine Performance ist mein Singen.
Meine Performance ist meine Hoffnung.
Meine Performance ist mein Beten.
Meine Performance ist meine Geschichte.
Meine Performance ist meine Liebe.
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