JÜRGEN FRITZ
Performance hat Konjunktur. Das ist angesichts des regen Interesses von
Veranstaltern und Zuschauern nicht zu Übersehen und freut uns auch, insbesonders
da BLACK MARKET International und ASA European einen nicht unerheblichen Anteil an diesem
europaweit wachsenden Zuspruch haben. Dabei ist es einigermaßen verwunderlich, daß
dieser Begriff, nach der Ausprägung und dem Aufblühen dieser Kunstform in den späten
60ger Jahren, trotz seiner inflationären Verwendung nichts von seiner Kraft verloren hat
und heute immer noch als Oberbegriff für die unterschiedlichsten
experimentellen Formen der Aktionskunst taugt. Während in anderen Kunstsparten eine
wahre Paradigmenflut den jeweils allerneuesten Trend zu unterscheiden versucht,
verspricht " Performance Art " nach nunmehr immerhin dreißig Jahren weiterhin
das Erlebnis einer neuen, unbekannten künstlerischen Aktion.
Es scheint so zu sein, daß dieser Begriff seine ungeheure Spannbreite nicht nur gut
verträgt, sondern daß diese geradezu der Grund für seine Langlebigkeit ist. Schon
die ersten Theoretiker bescheinigten der Performance Art, daß die einzige verbindliche
Regel mittels derer sie sich beschreiben ließe die sei, daß es keine solche Regel gebe,
was Zbigniew Warpechowski wie folgt ausdrückte: " Mit jeder Performance schaffe ich
meine Beschreibung der Performance Art neu. " Daraus folgt, daß man sich auch als
Performancekenner, oder besonders als solcher, immer wieder neu auf Performances einlassen
muß, am besten vergessen sollte, was man darüber weiß, damit man das Neue und damit die
Performance überhaupt erkennen kann. Daraus ergibt sich die Schwierigkeit, Regeln
über den Tag hinaus zu retten und damit auch das Problem die Qualität von Performance
sprachlich zu erfassen.
Diskussionen enden oft an Geschmacksfragen oder, was noch schlimmer ist, in einer
zermürbenden Auseinandersetzung darüber, was denn nun eine richtige Performance
sei; jeder versucht, den anderen sein Regelwerk über Performance Art klarzumachen.
Die Performance macht es niemandem leicht, weder dem Akteur noch dem Zuschauer, jede
Situation will erkämpft sein. Und darin liegt meiner Meinung nach das Wesen der
Performance: in dieser gemeinsam verbrachten Zeit, in diesem " Bemühen " um ein
gemeinsames Bild. Erst wenn das geschieht, wenn, wie es Boris Nieslony ausdrückte, die
Energie der Anwesenden nicht mehr gegeneinander sonder parallel zueinander verlaufen, hat
die Performance stattgefunden.
BLACK MARKET International arbeitet jetzt seit über zwölf Jahren zusammen und deren
Grundlagen werden inzwischen, wie kürzlich bei einem Performancetreffen im Künstlerhaus
Mousonturm in Frankfurt, von der nachrückenden Künstlergeneration neben anderen als
Grundbegriff der Performance Art zitiert. Doch während der Stil der anderen "
Vorreiter " mit einer typische Geste markiert wurden, verharren die Akteure bei der
Darstellung von BLACK MARKET International lediglich eine kurze Zeit stehend aus.
Das macht Mut. Denn solange aus BLACK MARKET International noch keine typische
Handbewegung ableitbar ist, können wir unser Vorhaben weiterverfolgen.
Mit den NETWORK MEETINGS ' 98/99 ' wurde von der Europäischen Kommission ein Projekt
gewürdigt, das im Wesentlichen vorsieht, die Arbeit von BLACK MARKET in drei
europäischen Städten, in Linz, Dublin und Frankfurt/Main vorzustellen und mit
ortsansässigen Künstlern und Kulturverantwortlichen auf die Situation vor Ort hin
weiterzuentwickeln. In jeder Stadt werden neben Performances auch Seminare, Workshops und
Veranstaltungen im öffentlichen Raum stattfinden.
Wir freuen uns sehr auf diese Zusammenarbeit und hoffen, daß wir realisieren knnen,
was wir im Konzept des Projektes als Idee formuliert haben: BLACK MARKET INTERNATIONAL ist
eine Gruppierung von 8 Künstlern aus 7 europäischen Ländern, die seit 1986 Performances
aufführt, Seminare und Vortäge abhält und durch enge Kontakte mit
Kulturverantwortlichen und assoziierten Künstlern kontinuierlich ein weltweites Netzwerk
der Performance Art aufbaut. Dieses Netzwerk bildet, entsprechend der geographischen und
künstlerischen Herkunft der Beteiligten, das Modell einer auf Integrität und
konstruktive künstlerische Zusammenarbeit ausgerichteten, temporären Gemeinschaft. Wie
der Gruppenname schon andeutet, entsteht hier ein " Schwarzmarkt ": die zu
tauschenden Güter sind kulturelle Werte. Der " Tausch " und die "
Verhandlung " über " Wert " und " Gegenwert " sind die
Inhalte der Performances. Die Aktionen konstruieren eine Laborsituation, in der die
Teilnehmer die Kompetenz und Funktionsweise einer Kommunikationsstruktur erleben können,
die BLACK MARKET INTERNATIONAL als mentales Netzwerk bezeichnet. Dieses mentale
Netzwerk kann als Entwurf für eine Utopie sozialer Beziehungen betrachtet werden.
Jürgen Fritz Frankfurt, im Oktober 1998
auch networking meeting / 8. Performance Art Conference - Frankfurt
/ Main |