STEPHAN US
VERSUCH ÜBER DAS KÜNSTLERISCHE HANDELN
My living room
Entree
Bin ich Natur? Was für eine Frage?! Natürlich bin ich Natur. Ich
bin ein lebender Organismus mit seinen Sinnen wahrnehmend. Aber ist es Natur, daß ein
Organismus sich seine eigene Existenz, seine Lebensgrundlage, eben Natur und Organismen in
ihrem Zusammenspiel zerstört, vernichtet, an ihnen und sich selbst Raubbau betreibt? Bin
ich Natur?
Biographie meines Prozesses
Als Kind wuchs ich am Rande einer Kleinstadt, umrinpt von Mooren, Wiesen
und Wäldern auf . Eine wahre Erlebnisgegend für ein Kind. Fast jeden Tag war ich
dort zwischen Sonnentau, Lybellen, Torf, Kiefern und Farnen unterwegs. Eine Idylle,
doch die Landschaft veränderte sich stetig: Torf und Kiesabbau, Abholzung, und
Aufforstung von Wäldern, Bodenversiegelung, Trockenlegung von Feuchtgebieten,
Erschließung von Bauland. Durch menschliches Handeln wird Natur kultiviert,
verändert und aus ihren Zusammenhängen herausgerissen, ohne jedoch in ihrer Gesamtheit
in die Kultur integriert zu werden. Soweit sich Naturkräfte und -ressourcen
kommerziell verwerten lassen, sind sie willkommen. Vor allem, was darüber hinaus
geht, verschließen wir jedoch die Augen.
Diese Beziehung, Mensch-Natur, in ihren für mich als Kind wahrnehmbaren
Erscheinungsformen, sollte für mich zur elementaren Erfahrung, zum elementaren Bild für
mein künstlerisches Handeln werden.
Zum einen die Natur (lat. natura, mit demselben Stamm wie nasci. geboren werden,
entstehen), die so bedeutungsvoll wie nichtssagend ist. Es paßt fast alles hinein
das Moor und die Charakteranlage (das ist seine Natur), das Recht des Stärkeren und die
Probleme der Physik. Zum anderen, der zur Herrschaft über die Natur
strebende Mensch, welcher ..auf der Höhe seines Triumphes sein Ungenügen, ja seinen
Selbstwiderspruch offenbart, nämlich im Verlust der Kontrolle über sich selbst. welcher
die Unfähigkeit bedeutet, nicht nur den Menschen vor sich selbst, sondern auch die Natur
vor den Menschen zu schützen. (Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung)
Ich definiere und erfahre Natur als einen Teil meiner selbst wie meiner Umwelt, mit ihrer
Kraft, ihren Rhythmen, der Vielfalt und den Geheimnissen, ihrer Verletzlichkeit und
Schwäche. Ich bin Natur und auch nicht. Wo ich mich über sie hinausbewege,
wartet sie am Ende auf mich. Kreativität, Inspiration und Phantasie sind
unkontrollierbare Äußerungen meines Selbst, die sich sowohl der einschränkenden
kulturellen Sozialisation, als auch der funktionellen Verwertung im Arbeitsprozeß
sperren. Sie sind zugleich meine Natur wie mein Menschsein.
In der Zeit von 1984 bis 1992 war für mich ausschließlich der Mensch das Thema meines
Schaffens- Die Entdeckung seiner Stärken und Schwächen, Gefühle, seiner
Entmythologisierung (wodurch er seine Verbindung zur Natur zerstört hat), seiner Systeme,
seines apokalyptischen Handelns, welches nach jeweiligen Gesellschaftssystemen in
unterschiedlichen Potenzen ausfällt. Durch diese Auseinandersetzung ist an die
Stelle der verändernden Gestaltung (Malerei) die ganze Wahrnehmung und die Handlung als
künstlerisches Ausdrucksmittel (Installation, Performance), als die eigentliche Kunst
getreten, die prozeßhafte Veränderung, die Verlagerung des Interesses vom Resultat auf
den Vorgang. Die Beziehung Mensch-Natur und die Notwendigkeit der Veränderung zur
Annäherung von Mensch und Natur kristallisierte sich als neues zentrales
Thema meiner Kunst heraus.
Die Kunst, der Genuß, Sinnlichkeit und Zweckfreiheit innewohnen, schafft Freiräume. Sie
akzeptiert Unwissenheit und Geheimnisse. Darin liegt ein Verzicht auf
Macht und Herrschaft. Das Sein sein lassen können, nicht alles und jedes sofort
einzuordnen, zu katalogisieren und damit seiner Lebendigkeit zu berauben. Kunst ist das
Werdende wie Gewordene, immer im Wandel. Aufgrund dieser Akzeptanz stellt mein
künstlerisches Handeln den Versuch zur Veränderung und Neubestimmung der
Beziehung Mensch-Natur, vielleicht sogar einen Impuls zum Wachstum der Macht über die
Macht dar, zu einen sozialen Organisinus (Beuys).
In der Kunst erfahre ich mich Selbst sowie ich die Natur erfahre. In der
Naturerfahrung erfahre ich mich Selbst sowie ich die Kunst erfahre. Dies eröffnet
Wege in einer vermeintlich festgefahrenen Beziehung. Durch künstlerisches Handeln
verwandelt sich die kulturelle Sackgasse in einen weiten Horizont.
Was ist wichtiger in Zeiten, in denen " Sinn eine immer knapper werden Ressource
ist?! " (Habermas)
Vogel-Ich
Ich sitze in der Raummitte auf einem Stuhl, bekleidet mit einem schwarzen Anzug, tiefe,
erdige Töne auf dem didgereedoo spielend. In einer Schale aus Lilienblättern liegt ein
toter Sperling. Das Publikum tritt ein, versammelt sich, verteilt sich im Raum. Zu
dem Zeitpunkt der Beruhigung im Raum, beginne ich langsam, höhere Töne zu spielen. Ganz
langsam übernimmt ein Trillern und Pfeifen den Klangraum. Stille. Lege das didgereedoo in
seiner Stellung an den Stuhl und gehe in die Hocke vor dem Vogel. Ich pfeife und triller
zu dem Vogel, nehme ihn auf, umhülle ihn mit meinen Händen, so daß sein Kopf nach vorne
aus meinen Handflächen schaut. Gehe pfeifend in die Körperhaltung eines Vogels und
bewege mich stehend dergleichen. Richte mich auf und gehe Richtung Osten, pfeifend,
trillernd Richtung Süden, Richtung Westeil, immer bis an die Grenzen des Raumes. Der
Vogel als führende Kraft. Der Vogel tastet den Raum ab. Ich bin sein Medium, sein
Bewegendes. Der Vogel tritt mit seinem" Pfeifen mit dem Publikum in Kontakt,
versucht Dialoge zu führen. Bewegt sich auf und ab, schnell, hektisch, wieder langsam
durch das Publikum und tritt immer wieder in Kontakt. Der tastet regelmäßig die Grenzen
des Raumes ab, bis er irgendwann den Ausgang findet. Der schreitet hinaus Richtung Norden.
Ich lege den Vogel auf den Boden, grabe ein Erdloch, lege ihn hinein und
bedecke ihn mit Laub und Erde. Ich hocke. Mit den Worten, flieg flieg
richte ich mich auf, Laub in die Lüfte werfend
November 1994 |