BALINT SZOMBATHY
BLUT, GOLD, NEOISMUS

Die Nullen kommen, alles kann anfangen, unter diesen Titel geschahen im Sommer 1997 in Ungarn  die Veranstaltungen des Jahrtausendendes die sich als Neoismus genannte internationale (gegen)künstlerische Bewegung. Es ist schon zwanzig Jahre her, da Istvan Kantor ein ehemaliger Straßenmusikant in Portland im Staat Oregon seine geistigen Partner traf, mit berühmten Persönlichkeiten der amerikanischen Subkultur David Zack und Dr. Ackerman die alle den Namen Monty Cantsin angenommen hatten. Aufgrund dieser Einweihung machte sich Kantor auf den Weg der zur Entstehung des Neoismus führte.
Mittels der Budapester ‘open pop-star’ musikalischen Performances und Mail Art-Aktionen die ihren  Weg in die westliche Kulturspähre bahnten, warb er um Anhänger die ebenfalls den Namen Monty Cantsin erhielten. Der Bewegung schloßen sich verschiedene Kunstschaffenden an und sie alle nahmen die Rahmen einer Gemeinschaftspersönlichkeits- konzeption an welche sie eigentlich zu nichts verpflichtete, denn der einzige gemeinsame Charakterzug war der Name Monty Cantsin. Der Neoismus hat sie zu nichts verpflichtet ausser in Namen des Neoismus zu schaffen und somit geschah ein einzigartiges Präzedens in der Geschichte des Neoismus: eine Programmerklärung, bzw. Eine Bewegung ohne Proklamation wurde geboren. In den achziger Jahren schwoll schon ziemlich an diese subkulturelle Erscheinung und tauchte auf immer mehr öffentlichen Kanälen auf und somit legte er seine randkünstlerische Charakteristik ab.
In Montreal, Baltimore, New York, London und zeitgenössischen West-Berlin und anderswo abgewickelte Wohnungsfestivals und urbane Ritualien akkumulierten sozusagen die geistliche Energie dieser doktrinlosen Aktivität. Obwohl es war ist, dass in bodenloser Tiefe des Neoismus eine eklektische Quelle pulsiert die mit der Zeit sich doch zur einen unterscheidenden Haltungsform kristallisiert, zur eine spezifischen Poetik die sich meistens um die Tätigkeit von Istvan Kantor organisiert.
Es scheint, dass die von Kantors Aktionismus umgegebene neoistische Mythologie Parallelen zeigt mit den Weltmotiven zweier klassischen ungarischen Dichter, von Endre Ady der am Jahrhundertanfang lebte, bzw. von Dezsö Kosztolanyi, namentlich handelt es sich von dem Begriffskreis von Blut, Geld und Zeit. Dieses Begriffsdreieck wurde aus Ady’s Blut und Gold, bzw. Kosztolanyi’s Die Uhr steht, aus der Poetik dieser symbolistischen Dichtungen ausgeschöpft und wie es sich herausstellte, sind sie inhaltlich immer aktuell und somit zur Bildung der Ideologie der zeitgenössisch revolutionären, mit subversiven Vorhaben auftretende Generation geeignet.
Ady’s Dichtung ist zugleich die Hymne des Neoismus, wurde zum Bewegungslied und bei den Performances ist das  Blutabnehmen gewöhnlich vertreten bei Aktionen von Kantor; seit 1979 ist es etwa fünfhundertmal geschehen. In seinen früheren Jahren in Montreal dagegegn zeigte er in zahllosen Fällen mit Münzen präpariertes Brot vor. Der neoistische Künstler bietet keinen Kunstwerk zum Verkauf an, sondern Blut um es zum Geld, bzw. Gold zu verwandeln und um den alchemischen Kreis zu schließen: das Blut wird zum Gold, das Gold wieder ins Blut umwandelt im ewigen Kreislauf der Lebenskräfte. Damit kann der Neoist unserer Tage mit dem Dichter in Einklang die folgenden Ady-Strophen für eigene betrachten: “Und heilig der gleich mir hat Mut / Auf euch zu schwören Gold und Blut”*. Die künstlerische Rolle des Blutes interpretierend setzt Kantor auseinander: “Es symbolisiert vieles, unter anderem ist es das Sinnbild der Revolution, Energie, das körperliches Seins… Aber, am wichtigsten ist es, daß das Blut das Leben symbolisiert, und die X-Form der Blutgemälde ist der Mensch”. Kantor verengt das Blut nicht auf seine metaphorische Projektion, bzw. er lehnt dessen herkömmlichen Symbolismus ab. Seinen ganzen Handlungsmechanismus der Vorstellungen baut er auf solche Weise auf, dass eine Krankenschwester aus seinem Arm einige Reagenzgläser Blut abnimt und er verkauft sie sinnbildlich, bzw. verwendet es als Farbstoff und somit erschafft den sgn. Blutgemälde-Zyklus in deren ikonischen Aufbau ein mit Blut aufgetragenes “X” dominiert. Das frische, oder eben geronnenes Blut bedeutet in Wirklichkeit das Leben, aber schon getrocknet – patiniert in X-förmiger Zwinge – assoziiert es auf Regungsloseigkeit, auf Verschwinden, bzw. auf den Tod. Trotz alledem scheint es, seine primäre Rolle ist energieübermittelnde und es hebt folgenden Vergleich hervor: die neoistische Energie kreist im Netzwerk (Eternal Network) auf Art und Weise wie das Blut im menschlichen Körper.
Das Gleichnis Zusammenhanges zwischen Blut und Geld steht nahe dem Kern des Erkenntnisses der entstellten Formen der totalitären Existenzphilosophie und der klassischen Erkenntnis wonach in bestimmten Situationen bedeutet das Geld viel mehr als das menschliche Leben. “Mich als Individuum und Schöpfer am meisten reizen die verschiedenen Formen der Macht und der individuellen Kräfte. Deshalb stellen diese  Sachen den Mittelpunkt meiner Aktivitäten, inbegriffen die diktatorischen und totalitären Zustände, die extrem radikalen Verhältnisse der Kräfte, die mittel-ost-europäischen Erfahrungen… äußerte er sich 1989, nachdem er schon unzählige, sgn. Blutkampagnen hinter sich hatte und er sein militantes Wörterbuch zusammengestellt hatte, sowie sein Kleidungsstil, der etwas später in der Ikonographie der Neuen Slowenischen Kunst erscheint.
Eine seiner Blutkampagnen in 1988 und danach in 1991 hat Anstoß erregt als Kantor – zuerst im Museum der modernen Künste in New York, und danach in Ottawa in der Nationalgalerie überaschend X-förmige Blutgemälde auf die Wand spritzte im Ausstellungssaal und währenddessen ein Picasso-Kunstwerk blutbefleckte: “Im Flügel des zweiten Stocks des Museums etwa fünfzig Besucher wurden Zeugen wie Istvan Kantor aus seiner Tasche blutgefüllte Ampullen herausnahm und X-förmig ihren Inhalt zwischen zwei Picasso-Gemälden spritzte” (New York Post); “Der aus Ungarn stammende und sich als Mitglied der Rivington School of Art nennt, ‘Keinen Polizeistaat’, ‘Stoppt die Gentryfikation’ und ähnliche Ausdrücke las vor bevor er Blutspuren an der Wand hinterließ” (Daily News).
Trotz dem Gerichtsverfahren und einer lebenslänglichen Ausweisung aus dem Museum gelingt es Kantor später mit einer Andy Warhol-Perücke maskierend wiederholt das eigenartige “Sakrileg” der Kunstinstitution, danach wiederholt er im Museum der schönen Künste in Budapest eine sanftere Variante auf solche Art und Weise, dass er sozusagen als Geschenk eine großfläche Leinwand auf dem Schauplatz unangemeldet mit Blut bemalt zur größten Empörung der unvorbereiteten Angestellten.
Das Symbol des Internationalen Roten Kreuzes ist das bildliche Pendant der positiven Eigenschaft des Blutes im Neoismus und auf das Malewitsch-Kreuz assoziierende Grundform somit erlangt eine Bewegungsbestimmung. Für Kantor ist das Blut etwas derartig kultische Substanz wie für Joseph Beuys der Honig, der Talg oder das Fett: ein Energiekollektor dessen Milliliter in Jahre 1984 auf eine Million Dollar taxiert wurde.
In Kantor’s einen Mittelpunkkunstwerk Bagdata-Performance erscheinen fast alle neoistischen Ideogrammen und Objektsymbole. Die Vorstellung beginnt mit Vorzeigen zwei flammender Bügeleisen welche Synonyme des brennenden, sich verzehrenden Künstler sind. Im diesem zusammengesetzen lebendigen Video- und Stimmenperformance wird auf die Wechselbeziehung zwischen Künstler und Kunst, Künstler und Institution hingewiesen. Auf der Videoleinwand erscheint der Direktor des New Yorker Museums der modernen Künste und stellt Fragen auf den vor der Leinwand stehenden Künstlern. Auf die Frage, ob er sich für einen Künstler hält, antwortet er: “Nein, ich bin ein Neoist”. Die Problematik von Künstler - kein Künstler, Kunst - keine Kunst ist fast immer anwesend in den neoistischen schöpferischen Praxen, als ob sie auf die ewig zeitgemäße Duchamp-Erbschaft hinweisen möchte. Während der Vorstellung erklingt das Lied des Autors unter dem Titel Marcel Duchamp’s Kühlschrank und es stellt eine Ehrung des Kunstlehrers der sechziger-siebziger Jahre dar. Der Komposition nach bestehlt Duchamp tagtäglich die Kühlschränke voll mit verschiedensten ready-made, aber eines Tages versiegen alle Vorräte und Duchamp wird in Nu zum Kritiker des Materialismus und beruft sich darauf, daß die materielle Berechnung die Kunst zur stark verdünnten Lösung herabsetzt. Aus dieser Welt weiß man nicht wohin, es gibt einen Ausweg und der ist zwar die unterirdische Sphäre. Dieser Moment ist eine Hinweisung auf Duchamp’s geflügeltes Wort wonach “der Zukunftskünstler geht unter die Erde…”. Wie viele anderen Performances des  Neoismus wird auch Bagdata mit Blutabnahme zur Vollentfaltung gebracht; ein Arzt nimmt eine Probe aus Kantor’s Blut und er bietet schließlich die mit Blut gefüllten Reagenzgläser zum Kauf an. Als ein Weiterdenken der Blutmythologie erscheint auch das Schreckensbild der “Blutfabrik” in mehreren Prosawerken und in Liedertexten, z.B. im 1984 ausgegebener Mass Media LP Fake Science Komposition.
Die wahre Kunst ist eine lebendige Kunst des “Jetzt” und in den Museen findet man nur Sachen, das kann man aus Kantors individueller Philosophie herauslesen, welche unleugbar sehr viel aus der Geistigkeit des vorjahrhunderts ungarischen Aktivismus, aus dem geflügelten Satz von Ludwig Kassak “Zerstört, um bauen zu können” aber diesmal wird er mit anarchistischen Oberton bereichert. Der ehemalige Strassenmusikant rüttelt den Menschen der öffentlichen Medien mit sehenswürdigen Aktionen auf, vielleicht aus jenem osteuropäischer Erfahrung schöpfend, daß die großen geschichtlichen Konflikte auf den Straßen wurden gelöst. Der Elektro-Pop-Stil der neoistischen Musik in den sechzigern konsolidiert in den neunzigern die Lärmmusik    mit sozialen Motiven und Kantor erklärt sich unter einem Vorwand, nach einer Straßenmeuterei für den Führer von New Yorker Lower East Side. Die Poetik der neoistischen revolutionären Romantik wird in Musikperformances  eingebettet und sie präsentieren heutzutage die erste Kunstart dieser Bewegung denn es wird großartig verbunden mit den zusammengesetzten Eelementen von Klang, Bild und Bewegung, bzw. die Spontaneität welche für den Aktionismus charakteristisch ist und das Erwägen der Performance-Choreographie.
Während der subversiv urbanen Aktionen werden als nach dem äusseren richtenden Manöver der neoistischen Propaganda zur Geltung gekommen, betten die nach Kantors Ideen weltweit berühmt gewordene Wohnungsfestivals die revolutionären Absichte des Neoismus in die außerhalb der offiziellen Kunstsphären-Milieu. Und es ist nichts Anderes als die Erkennung es besteht nicht nur eine einzige Kunstordnung, sondern mehrere parallele, die sich gleichzeitig verleugnende und ergänzende Systeme welche in übereinstimmenden Verhältnissen zueinander stehen. In der gleichen Zeit konfrontiert die modernistische Doktrin zwischen den Kunstarten mit jener Grundthese des postmodernen Eklektizismus, daß die verschiedensten poetischen Patente hemmungslos zur einen neuen Poetik vermischt werden können.
In dem Neoismus kommt am meisten das Duchamp-ready-made-Patent zum Ausdruck. Die besten Musikinstrumente von Kantor, seine lärmauslösende Mittel sind gefundene Sachen, aus der Hand der Verwesung ausgegriffen, metalkllingende Isntrumente – Blechfaß, Metallstange, Wellenblech – deren destruktiver Missklang mit der durch das Megaphon filtrierte menschliche Stimme vermischt, die Ars poetic der Ablehnung und der Verleugnung zu Geltung bringt. Seine Performance Executive Machinery die im Dessauer Bauhaus im November 1997 vorgestellt wurde und wegen Lärmhervorrufen Metallaktenschränke benutzt und somit z.B. aktualisierte das Kunstbekenntnis des futuristischen Luigi Russolo einerseits der im 1910 erschienenen L’arte  de rumori drängte auf alltägliche Sachen wegen tonkünstlerischer Benutzung. Abderseits, die jetzigen Bestimmungen untersuchend weist es mehr hin: auf das Internet selbst, bzw. auf die verhältnismäßige Manipulierbarkeit der duch das Internet durchfließende Datenmenge, auf seine bürokratische Natur, auf die gleichzeitig begränzte und endlose Charaktere der Informationen.
Kantor arbeitet auf Art und Weise der Pop-Künstler welche die Massenkonsumgüter propagierten. Er tut nur so als ob er andere nachahmen würde wenn er auf die Wiederverwendung von weggeworfenen Sachen, Gedanken und Redearten drängt. Er versucht uns zu berzeugen, alles was er tut ist nichts Originelles. Mit der Poetik verfährt er wie mit Fundsachen und bettet sie mit bekannten Mitteln der Enteignung und Überqualifizierung einfach in das neoistische Sprachübung ein. Dies Letzteres ist deshalb hervorzuheben denn er spricht nur ungern über Kunst, die Stelle des Neoismus bestimmt er außerhalb der Kunstsphäre und darunter versteht er mehr eine Haltungsform, eine Weltanschauung deren Ausstrahlung im totalen Ausleben des Seins zum lebenden Schweif der ewigwährenden Poetik windet.
Kosztolanyis stehende Zeit-Motiv kommt zur determinierenden Bestimmung betreff des neoistischen Bekenntnisses und die “Es ist immer sechs Uhr” Absurdität ist nichts Anderes als einer von den neoistischen Großartigkeiten. Im Roman Nachhut von Herbert Quain rührt auch die Problematik der ruhenden Zeit an und kommt zur Schlußfolgerung, nur die stehende Zeit kann absolut pünktlich sein, denn “Jene Uhr deren Zeiger sich nicht bewegen, zeigt in 24 Stunden zweimal die genau gültige Zeit” dann “wenn die Zeit die stehenden Zeiger erreicht, dann schneiden sie einander…”. Die neoistische Philosophie markiert – zusammen mit Kosztolanyi – diesen jeweiligen Moment in sechs Stunden, aber somit entfaltet leichzeitig auch eine parallele These wenn er sagt der Tag gliedert sich in viermal sechs Stunden die mit Schlaf, Erholung und Vergnügen ausgefüllt sind.
Aber, wie schon beim Quain gesehen, die ruhenden Stunden zeigen am pünktlichsten die Zeit, weil der ruhende Zeiger “lauert gegenüber der Zeit und schneidet sie weg”.
Diesen Gedanke zu verstehen und ihre Poetik zu hegen ist fast gleich mit der Unsterblichkeit. Der Neoismus versucht es auch.

Übersetzung: Erzsebet Boban Warnusz

*Paul Laszlo’s Übersetzung, Paris, 1925.


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