STATEMENTS Performance und Lehre - Ästhetische Praxis und Bildung an Hochschulen Symposium, Potsdam, 25.-27. Juni 1998 Einen derzeitigen Paradigmenwechsel zu behaupten - ähnlich dem der
Einführung der Schrift - mag spekulativ sein, unzweifelhaft jedoch, daß grundlegende
Veränderungen bevorstehen. Insbesondere die Neuen Medien stellen herkömmliche
Rezeptionsweisen in Frage, irritieren Wahrnehmungsgewohnheiten und provozieren
performative Kompetenz, Geschicklichkeit und Spiel in allen Lebensbereichen. Die
Ästhetisierungstendenz des gesellschaftlichen Alltags droht die produktive,
sinnverdichtende und sinnverschiebende Kraft von Kunst zu verflüssigen und hat längst
kunstnahe Aneignungsformen im gesellschaftlichen Alltag herausgebildet. Theater,
Tanz, Literatur, Bildende Kunst oder Musik sind auf eine harte Bewährungsprobe
gestellt. Wenn Handlungs- und Kommunikationsmöglichkeiten derzeit zwischen
Turbulenz und Leerlauf hin- und herpendeln, wenn Arbeit zum Mangel und nicht mehr auf
herkömmliche Weise sinnstiftend und Freizeit frei verfügbare doch häufig erzwungene
Zeit ist, werden Kunst und Kultur zukünftig an Bedeutung gewinnen - zu vermuten
allerdings, daß die einseitig gerichtete Kommunikation herkömmlicher
Hochkulturen durch interaktive Teilhabe abgelöst wird. Nicht nur
die Künste und hier insbesondere die Performance Art (die bereits begonnen haben, dies zu
reflektieren), auch Forschung, Wissenschaft und Bildung kommen an der Heterogenität und
Komplexität gesellschaftlicher Verhältnisse nicht mehr vorbei - insbesondere die Lehre
an den Hochschulen, die sich an die Wissenschaftler, Vermittler, Lehrer, Forscher und
Künstler von morgen richtet. Eingeladen sind u.a.: Johannes Beck, Bremen/Ekkehard Binas,
Potsdam/Gabriele Brandstetter, München/Hartmut Dedert, München DeGater 87,
Potsdam/Lili Fischer, Hamburg/Monika Fleischmann, Sankt Augustin/Formal Theater,
Petersburg/Jürgen Fritz, Frankfurt/Charles Garoian, Pennsylvania/Ruth Geiersberger,
München/Helmut Hartwig, Berlin/Dietmar Kamper, Berlin/ Marie- Luise Lange,
Gießen/Martina Leeker, Berlin/Thomas Martius, Berlin/Heiner Mühlmann, Wuppertal/Ulrich
Müller, München/Boris Nieslony, Köln/ Helmut Oesting, Hainburg/Jean-Marie Pradier,
Paris/Christoph Riemer, Hamburg/Walter Siegfried, München/Hubert Sowa, Bamberg/ Theater
der Versammlung, Bremen/Rainer Trunk, Berlin/Michael Vogel, Berlin/ Christel Weiler,
Berlin/Ulrich Winko, München/ Christoph Wulf, Berlin ZITAT-SPLITTER ZUM PERFORMANCEBEGRIFF Zusammengestellt von Ute Pinkert, Mai 1998 Performance: Sobald Sie ein Wort finden, das sich plötzlich von der allgemeinen
semantischen Anwendung loslöst (... ), können Sie Gift drauf nehmen, daß es ein
Proto-Schlüsselwort ist, das sich auf den Flügeln der Metapher verbreitet. In
diesem Prozess scheinen die Bedeutungen des Wortes laut Wörterbuch langsam einzuschlafen,
während die neue Schlüssel Bedeutung - noch ungeklärt - erprobt und nah und
fern ausgebreitet, revidiert und eingeschränkt wird, bis es sich in den Sprachgebrauch
einfügt, als hätte es immer schon die Bedeutung gehabt, die es jetzt besitzt.
Schlüsselworte sind meist zweischneidig, indem sie zu den beiden Gebieten
Ideologie und Methodologie gehören: sie sind gleichzeitig Haltung und Werkzeug. Eine Darstellung (performance) kann als die Gesamttätigkeit eines
bestimmten Teilnehmers an einer bestimmten Situation definiert werden, die dazu dient, die
anderen Teilnehmer in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Der normale Satz muß in der traditionellen Philosophie
entweder als eine wahre oder als eine falsche Aussage über einen Sachverhalt aufgefaßt
werden (...) Gegen diese Sprachauffassung schlägt (John L.) Austin vor, die
Aufmerksamkeit auf diejenigen Aussagen zu richten, die er als performativ
bezeichnet - also auf Äußerungen wie Ich verspreche zu kommen, die als
Äußerungen selbst Handlungen darstellen, in diesem Fall das Abgeben eines
Versprechens. Diese Äußerungen sind durch die Eigenschaft charakterisiert, sich
auf sich selbst zu beziehen, also selbstreferentiell zu sein. (... Dies hat) etwas mit dem
zu tun, was man vielleicht als magisch qualifizieren kann, bei der
performativen Äußerung erscheint der Referent der Aussage( ... ) erst mit der
Äußerung. ( ... ) Je mehr man die magische Kraft der Aussage vergaß, desto mehr büßte
das Ritual an seiner magischen Wirksamkeit ein, um endlich in ein rein
beschreibendes Theater verwandelt zu werden (...) Mit dieser Strategie entstand das
Theater als Institut. Wir können in diesem Institut eines der wichtigsten
Instrumente der neuzeitlichen Vernunft sehen, denn es trug dazu bei, das Magische
bzw. Performative als eine Art Unvernunft zu isolieren. Was (zur Zeit) stattfindet, ist ein wachsendes Interesse an den Nähten,
mit denen offenbar jede einzelne Scheibe an die anderen angeschweißt ist. Das
illusionistische oder mimetische Theater basiert auf der Vorstellung, die
Verbindungsnähte zwischen Drama, Skript, Theater und performance verbergen zu
müssen. In Amerika sagen wir, jemand "spielt nur", wenn wir die Nähte
zwischen der Performance und dem nichtspielerischen Hintergrund entdecken. Wir sagen
auch, jemand spielt, wenn derjenige auf einer Bühne agiert. Wir sagen, jemand
spielt nicht, wenn er tut, was er normalerweise tun würde, wenn da kein Publikum
ist. Der Dokumentarfilm zwingt einen schauspielerschen Rahmen um einen nicht
schauspielerischen Umstand. Rekodiertes Verhalten ist lebendiges Verhalten, das wie ein Streifen
Film behandelt wird. Solchermaßen behandeltes Verhalten kann beliebig umarrangiert
und rekonstruiert werden. Es wird dadurch unabhängig von den kausalen Systemen
(sozialer, psychologischer, und technischer Art), denen es seine Existenz verdankt. (... )
Recordiertes Verhalten ist symbolisch und reflexiv zugleich. Es ist nicht leeres,
sondern aufgeladenes Verhalten, das vielstimmige Signifikanzen ausstrahlt. (... )
Symbolisches und reflexives Verhalten ist die Verdichtung der sozialen, religiösen,
medizinischen und erziehehschen Prozesse auf dem Theater. Aufführung bedeutet: nie
zum ersten Mal. Es heißt: vom zweiten bis zum x-ten Mal, heißt Verdoppelung von
Verhalten. Ein Satz von vier Scheiben; die größte zuunterst, die anderen auf der
jeweils darunterliegenden, größeren aufbauend (...) Allgemein gesagt, jedoch nicht
immer, enthält die jeweils größere Scheibe alle auf ihr aufliegenden kleineren. Für mich ist die Ethnologie der kunstvollen Darbietung (performance)
wesentlicher Bestandteil der Ethnologie des Erlebens. (...) Gerade durch den Prozeß der
Darstellung wird das, was normalerweise hermetisch in den Tiefen des soziokulurellen
Lebens verschlossen, der Alltagsbeobachtung und dem Verstand nicht zugänglich ist, ans
Licht befördert - Dilthey verwendet hier das Wort ausdrucken, im Sinne von
herauspressen. Performance kann einzig in der Gegenwart existieren. Performance
kann nicht gesichert werden, aufgezeichnet, dokumentiert oder in anderer Weise teilnehmen
an der Zirkulation von Repräsentationen von Repräsentationen. Wenn sie das tut,
dann verwandelt sie sich in etwas anderes. (...) Die Interaktion zwischen dem Kunstobjekt
und dem Zuschauer ist dasjenige, was performativ ist. - Performance ist keine Kunstrichtung im traditionellen Sinn, kein Stil,
sondem eine Form, eine Handlungsweise, eine Technik.- Performance ist eine
intermediäre Ausdrucksform. Wissenschaftliche Experimente sind einmalige Ereignisse in der Welt,
unternommen mit der Absicht, etwas sichtbar zu machen. Was sichtbar wird, ist nicht
etwas diesem Ereignis anhaftendes Einmaliges und Eigentümliches, sondem etwas, was auch
in gleichartigen Performances in anderen Kontexten sichtbar wird. (...) Wissenschaftliche
Performances sind adressiert an spezielle Gemeinschaften und sind Antworten auf
Problemfragen, die in diesen Gemeinschaften gestellt wurden. Aber eigentlich
erfordert das Vorbereiten und Beobachten der Performance eine davon losgelöste Haltung,
ein nicht zweckgerichtetes Interesse am Geschehen.(...) Performance ist vor allem anderen
die Durchführung einer Aktion in der Welt, welche der Präsentation eines Phänomenens
dient; die Aktion ist bezogen auf eine Repräsentation (zum Beispiel ein Text, Manuskript,
eine Szene oder ein Buch), welche ein semiotisches System benutzt (wie z.B. die Sprache,
ein Notationsschema, ein mathematisches System); schließlich entstammt die Performance
einer entsprechend vorbereiteten Gemeinschaft (historisch und kulturell gebunden) und
bezieht sich auf sie; diese Gemeinschaft erkennt in der Performance neue Phänomene.
Das Feld entwickelt sich durch die Interaktion dieser drei Faktoren. Theater und Performance sind nicht notwendigerweise verschiedene
Ereignisse, sie sind verschiedene Perspektiven auf dasselbe Ereignis, welches als Theater
gesehen oder als Performance erfahren werden kann (... ) Performance ist weniger eine neue
Kunstform als ein neues Paradigma, sie steht weniger für ein neues Phänomen als für
eine neue Weise der Betrachtung bekannter Phänomene - eine andere Weise, auf sie zu
reagieren, sie zu erfahren und über sie nachzudenken. Wenn man seine Beliebtheit und ausgedehnte Verwendung als Terminus
bedenkt, erscheint Performance heute als mögliches philosophisches Paradigma, eine
radikale Alternative zum modernistischen Textparadigma. Dies (...) mag zu neuen
Wegen führen, die Zeit, den Raum, die Person, gar das Wissen oder die Erfahrung selbst zu
betrachten, die an die heutige wissenschaftliche Forschung und ihre Erscheinungen in
Quantum-, Chaos und Komplexitätstheorien und neuere philosphische Nachfragen in der
kognitven Wissenschaft oder Prozeßphilosophie angrenzen. Es ist an der Zeit, diese
Parallelen näher zu untersuchen. Eine Performance existiert immer und nur als ständiger Wechsel in der
Zeit. Dieser Wechsel gleicht über haupt nicht der linearen Zeit des
Modernismus oder denen Analog in der Erzählung. Lineare Zeit wird als rational,
kausal, teleologisch konstruiert; dagegen ist die Zeit der Performance nicht nur
vorübergehend, sondem auch verdoppelt und zweideutig. Sie ist eine Gegenwart, die
irgendwie einer anderen Gegenwart parallelläuft, ein Jetzt, das Nicht-Jetzt ist, aber
auch NichtNicht- Jetzt. Quellen: Yuichi lshida: " Force undRolle ".- Über die
Kraftder Sprache und das Theater der Neuzeit,- In: Forum modemes
Theater, Bd 1211 Tübingen 1997 Helmut Hartwig Es ist in der Rede und will aus ihr heraus (Alien). Es will die Rede
durchqueren, hintergehen, unterlaufen, mißbrauchen, bloßstellen, überschrei(t)en,
erleuchten (illustrieren). Die Verfransung der Künste ist ein falscher Untergang der Kunst (Adorno) STATEMENTS PERFORMANCE Performance ist die Vergegenwärtigung, das Auftauen eingefrorener Erinnerung, die freiwillige Unterordnung unter das Diktat der Kommunikation mit Restbeständen an Widerwillen und hervorquellender Unvermittelbarkeit, ist die Zurichtung der Selbstreferenz für eine ästhetische Propaganda. Performance ist der Versuch, das Refugium der fröhlichen Einsamkeit mit starken Zeichen zu tarnen. Ekkehard Binas Im besten Sinne-. die Eröffnung eines Denkraumes. Christel Weiler Eine künstlerische Notdurft verrichten, als Notwendigkeit; Dinge sammeln, Räume benutzen, Handlungen tun, die man tun muß. Ruth Geiersberger Kultur und damit uns selbst mit all unseren verinnerlichten und geliebten Kulturgütern, Musik, Literatur, Philosophie, das Gute, das Wahre, das Schöne als etwas darzustellen, das erst noch domestiziert werden soll, kommt dem Aussprechen einer Kränkung gleich. Brächte diese Kränkung einen humanistischen Fortschritt? Heiner Mühlmann ,...a cultured society is one where the perceptive and expressive abilities of the human body are used to the full; where they provide the basic means of communication. A civilized country is not always a cultured society. (Tadashi Suzuki) Lambert Blum Leerstück: Performance H.-F Bormann Performance entsteht aus dem geglückten Zusammenschluß von Mensch und Technik. Martina Leeker Der performative Modellvortrag leistet minimale temporäre Fokussierungen der Aufmerksamkeit mit Hilfe von Zeigenhandlungen und Sprache, handelt von Modellen und ist zugleich ein sich-selbst zeigendes und erklärendes Modell, spricht von dem, was er her stellt und stellt das her, wovon er spricht. Hubert Sowa Eine mehr oder weniger symbolhafte szenische Installation; ein
experimenteller Versuch oder Grenzgang, den avantgardistisch-utopischen Gedanken der
Aufhebung von Kunst und Leben in neuer Form zu repräsentieren. Hier ist der Zusammenhang zwischen der Kunst und dem Künstler am engsten, seine Äußerung am direktesten - ich kann seine Haltung, seine Motivation, sein Bemühen, seine Absicht, das Gelingen wie das Scheitern seiner Aktion verfolgen - alles ist untrennbar mit ihm verknüpft. Bilder aus einem Augenblick der Aufmerksamkeit heraus, die Sekunden später wieder verschwinden. Jürgen Fritz 1. Performance in universitärer Lehre - das ist der Versuch, dieser
Vorstellung über die Bühne zu entkommen (frei nach S.J.Lec) Redemaschine. Hartmut Dedert Künstlerisch gestaltetes Ereignis in Zeit und Raum. Als Fotografin interessiert der entscheidende Augenblick einer Bewegung zwischen verschiedenen Kunstformen. Sabine Brunk Praxis: eine spielerbezogene Aktivität mit unklarem Publikumsbezug,
beschönigende Bezeichnung für eine unfertige Inszenierung, die ihren
lmprovisationscharakter nicht zu behaupten wagt. Der mittlerweile inflationäre Begriff " Performance " erklärt sich für mich jedenfalls noch dadurch, was Performance nicht ist: Theater. Also kein Gebrauch illusionistischer Mittel, kein Theaterblut, keine Kulissen - sondem es wird getan, was nötig ist, ohne Ornament. Ulrich Müller Informatik: Geschwindigkeit eines Computer-Systems/Kunst: Interaktive Kunstausstellung. Ivo Haulsen Ist als Aktionskunst - vor allem bildender Künstler geläufig. In einem weiteren Sinn: jede ästhetische Aktion in der Öffentlichkeit, die dem Theater nahe ist durch den Ereignischarakter, ihm ferner durch fehlende Momente der Rolle, des Erzählens von Geschichten. Hans Martin Ritter Statement 1: Navigation durch Körperbalance Was nämlich zentral abgewehrt wird, ist der Verdacht, die Vernunft
könne im Entscheidenden auf einer Täuschung beruhen. Wer dementgegen heute diesen
Gedanken zuläßt, findet sich in einer prekären Lage. Er hat nur noch die Chance,
insofern auch er Vernunft in Anspruch nimmt, durch einen performativen Selbstwiderspruch
hindurch den Weg ins Freie zu finden. A radical form of pedagogy, performance art teaching takes its cues from
the exploratory and experimental strategies employed by artists throughout the century
(... ) Unlike the traditional discursive models of dualistical thinking, performance art
cognition enables a nondis kursive complex of ideas and images to coexist simultaneously
within the mind. Strukturen Stadien. Rainer Trunk Eigentlich beginnt die Performance in der Küche, dachte ich, drehte die
Hühnerkeulchen im Oliventopf um, gab noch etwas frischen Ingwer dazu und der Duft des
Thymians nach dem Ablöschen mit dem 95er Entre-Deux-Mers erfüllte den Raum. Da der Mensch ein Leib ist und einen Körper hat, entsetzt er sich mit
seinem Leben einem Problem. Dem Riß, ein Bild zu und ein Bild von sich zu
machen. Die Perforrnance Art ist der Ort in dem der Riß sich als Entsetzen
zeigt. Die Sprache die dort zum Sprechen kommt, ist die Sprache des Peinlichen und
der Infamie. Wenn keine Sprache zum Sprechen kommt, ist es das Nur der Anwesenheit,
das Ausreichende an sich. |
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