STATEMENTS
STÄNDIGE  KONFERENZ  SPIEL UND  THEATER
AN  DEUTSCHEN  HOCHSCHULEN
DER  GARTEN  DIE RUINE  DAS  WASSER

Performance und Lehre - Ästhetische Praxis und Bildung an Hochschulen Symposium, Potsdam, 25.-27. Juni 1998

Einen derzeitigen Paradigmenwechsel zu behaupten - ähnlich dem der Einführung der Schrift - mag spekulativ sein, unzweifelhaft jedoch, daß grundlegende Veränderungen bevorstehen.  Insbesondere die Neuen Medien stellen herkömmliche Rezeptionsweisen in Frage, irritieren Wahrnehmungsgewohnheiten und provozieren performative Kompetenz, Geschicklichkeit und Spiel in allen Lebensbereichen.  Die Ästhetisierungstendenz des gesellschaftlichen Alltags droht die produktive, sinnverdichtende und sinnverschiebende Kraft von Kunst zu verflüssigen und hat längst kunstnahe Aneignungsformen im gesellschaftlichen Alltag herausgebildet.  Theater, Tanz, Literatur, Bildende Kunst oder Musik sind auf eine harte Bewährungsprobe gestellt.  Wenn Handlungs- und Kommunikationsmöglichkeiten derzeit zwischen Turbulenz und Leerlauf hin- und herpendeln, wenn Arbeit zum Mangel und nicht mehr auf herkömmliche Weise sinnstiftend und Freizeit frei verfügbare doch häufig erzwungene Zeit ist, werden Kunst und Kultur zukünftig an Bedeutung gewinnen - zu vermuten allerdings, daß die einseitig gerichtete Kommunikation herkömmlicher „Hochkulturen“ durch interaktive Teilhabe abgelöst wird.    Nicht nur die Künste und hier insbesondere die Performance Art (die bereits begonnen haben, dies zu reflektieren), auch Forschung, Wissenschaft und Bildung kommen an der Heterogenität und Komplexität gesellschaftlicher Verhältnisse nicht mehr vorbei - insbesondere die Lehre an den Hochschulen, die sich an die Wissenschaftler, Vermittler, Lehrer, Forscher und Künstler von morgen richtet.
Anläßlich der Jahrestagung „Ständige Konferenz Spiel und Theater an deutschen Hochschulen“ wird die Fachhochschule Potsdam ein Symposium ausrichten, das diesen Fragen nachgehen wird: Ermöglicht der Blickwechsel auf das „Wie“ des Verfahrens der jeweiligen Wissenschaftsdisziplin, Berührungspunkte und Schnittstellen zwischen Bildung, Wissenschaft und Kunst zu lokalisieren?  Und kann der ästhetische Diskurs - mit seiner eher irritierenden, verdichtenden, erfahrungsbezogenen Wirkung - interdisziplinär und damit auch außerhalb spezieller Ausbildungsprofile für Ästhetische Praxis an Hochschulen wirksam werden, den logischen Diskurs bereichern, innovative Impulse für eine neue Lern- und Lehrkultur geben, kooperatives Handeln und politisches Bewußtsein anstrengen?
Die eingeladenen Referentenlnnen, Künstlerlnnen, Hochschullehrerlnnen sind aufgefordert, auf performative Weise die reale Zeit und den realen Raum zu betreten und unterschiedliche Vermittlungsebenen zu erproben.  Die unterschiedlichen Orte, die das Symposium aufsuchen wird, sollen zudem - angesichts gegenwärtiger „Ruinen“ Anlaß geben, eine kulturgeschichtlich orientierte Standortbestimmung zu wagen:
Der Garten: der Parasit/Eroberung von Raum/Ackerbau/Herstellen/Analyse/bürgerliche Identität/Moderne;
Die Ruine: der Bastler/Zerfall von Raum/Brachland/Vernetzen/Warnehmung/Bastel-Identität/Postmoderne;
Das Wasser: der Performer/Virtualität/Zwischenraum/Machen/Korrespondenz/wendige Identität/Übergang.
Das Symposium will zeigen, wie ein Gegenstand oder Sachverhalt unterschiedlich angegangen und erforscht werden kann: von seinem Begriff, von seiner Geschichte, von seinem Zeichenkontext, von seiner Form, aber auch von seinen virtuellen Möglichkeiten her.    Der logische Diskurs soll durch performative Einspielungen geöffnet werden, ohne zugleich dem Kurzschluß zu verfallen, der ästhetische Weg sei die Alternative.    Daß letztendlich nur kommunizierbar ist, was das Wort erreicht, ist vorausgesetzt.   Zu prüfen wäre, welche Chancen (und Risiken) ein ästhetischer Weg von Vermittlung in sich birgt und wie der “Stachel des Fremden“, den Kunst zweifelsohne generiert, zu wahren ist.

Eingeladen sind u.a.: Johannes Beck, Bremen/Ekkehard Binas, Potsdam/Gabriele Brandstetter, München/Hartmut Dedert, München DeGater ’87, Potsdam/Lili Fischer, Hamburg/Monika Fleischmann, Sankt Augustin/Formal Theater, Petersburg/Jürgen Fritz, Frankfurt/Charles Garoian, Pennsylvania/Ruth Geiersberger, München/Helmut Hartwig, Berlin/Dietmar Kamper, Berlin/ Marie- Luise Lange, Gießen/Martina Leeker, Berlin/Thomas Martius, Berlin/Heiner Mühlmann, Wuppertal/Ulrich Müller, München/Boris Nieslony, Köln/ Helmut Oesting, Hainburg/Jean-Marie Pradier, Paris/Christoph Riemer, Hamburg/Walter Siegfried, München/Hubert Sowa, Bamberg/ Theater der Versammlung, Bremen/Rainer Trunk, Berlin/Michael Vogel, Berlin/ Christel Weiler, Berlin/Ulrich Winko, München/ Christoph Wulf, Berlin
Verantwortlich:
Prof Dr. Hanne Seitz, Fachhochschule Potsdam, Sprecherin der Ständigen Konferenz für Spiel und Theater an deutschen Hochschulen

ZITAT-SPLITTER ZUM PERFORMANCEBEGRIFF

Zusammengestellt von Ute Pinkert, Mai 1998
Für die Hilfe bei der Übersetzung der englischen Texte sei Herzlich Herrn Karl S.N.Arndt gedankt, Koordinator im Sprachzentrum der fachhochschule Neubrandenburg.

Performance:
a)(esp. theatre) - Aufführung, Vorstellung, Leistung, Darstellung
b)(carrying out) Aufführung, Vortrag, Darstellung, Vorführung, Vollbringung, Venichtung, Erfüllung, Durchführung
c)(effectiveness) Leistung, Abschneiden
d)(to -do) Umstand, Benehmen, (Collins :Deutsch-Englisch/Englisch-Deutsch)

Sobald Sie ein Wort finden, das sich plötzlich von der allgemeinen semantischen Anwendung loslöst (... ), können Sie Gift drauf nehmen, daß es ein Proto-Schlüsselwort ist, das sich auf den Flügeln der Metapher verbreitet.  In diesem Prozess scheinen die Bedeutungen des Wortes laut Wörterbuch langsam einzuschlafen, während die neue „Schlüssel“ Bedeutung - noch ungeklärt - erprobt und nah und fern ausgebreitet, revidiert und eingeschränkt wird, bis es sich in den Sprachgebrauch einfügt, als hätte es immer schon die Bedeutung gehabt, die es jetzt besitzt.    Schlüsselworte sind meist zweischneidig, indem sie zu den beiden Gebieten Ideologie und Methodologie gehören: sie sind gleichzeitig Haltung und Werkzeug.
Bert O. States

Eine Darstellung (performance) kann als die Gesamttätigkeit eines bestimmten Teilnehmers an einer bestimmten Situation definiert werden, die dazu dient, die anderen Teilnehmer in irgendeiner Weise zu beeinflussen.
Erving Goffman

Der „normale Satz“ muß in der traditionellen Philosophie entweder als eine wahre oder als eine falsche Aussage über einen Sachverhalt aufgefaßt werden (...) Gegen diese Sprachauffassung schlägt (John L.) Austin vor, die Aufmerksamkeit auf diejenigen Aussagen zu richten, die er als „performativ“ bezeichnet - also auf Äußerungen wie „Ich verspreche zu kommen“, die als Äußerungen selbst Handlungen darstellen, in diesem Fall das Abgeben eines Versprechens.  Diese Äußerungen sind durch die Eigenschaft charakterisiert, sich auf sich selbst zu beziehen, also selbstreferentiell zu sein. (... Dies hat) etwas mit dem zu tun, was man vielleicht als „magisch“ qualifizieren kann, bei der performativen Äußerung erscheint der Referent der Aussage( ... ) erst mit der Äußerung. ( ... ) Je mehr man die magische Kraft der Aussage vergaß, desto mehr büßte das Ritual an seiner „magischen Wirksamkeit“ ein, um endlich in „ein rein beschreibendes Theater’ verwandelt zu werden (...) Mit dieser Strategie entstand das Theater als Institut.  Wir können in diesem Institut eines der wichtigsten Instrumente der neuzeitlichen Vernunft sehen, denn es trug dazu bei, das Magische bzw.  Performative als eine Art Unvernunft zu isolieren.
(... ) „Performance“ wurde erst sichtbar, als man die performative Ebene der Sprache erkennen konnte.
Yuichi lshida

Was (zur Zeit) stattfindet, ist ein wachsendes Interesse an den Nähten, mit denen offenbar jede einzelne Scheibe an die anderen angeschweißt ist.  Das illusionistische oder mimetische Theater basiert auf der Vorstellung, die Verbindungsnähte zwischen Drama, Skript, Theater und „performance“ verbergen zu müssen.
Richard Schechner

In Amerika sagen wir, jemand "spielt nur", wenn wir die Nähte zwischen der Performance und dem nichtspielerischen Hintergrund entdecken.  Wir sagen auch, jemand spielt, wenn derjenige auf einer Bühne agiert.  Wir sagen, jemand spielt nicht, wenn er tut, was er normalerweise tun würde, wenn da kein Publikum ist.  Der Dokumentarfilm zwingt einen schauspielerschen Rahmen um einen nicht schauspielerischen Umstand.
Richard Schechner

Rekodiertes Verhalten ist lebendiges Verhalten, das wie ein Streifen Film behandelt wird.  Solchermaßen behandeltes Verhalten kann beliebig umarrangiert und rekonstruiert werden.  Es wird dadurch unabhängig von den kausalen Systemen (sozialer, psychologischer, und technischer Art), denen es seine Existenz verdankt. (... ) Recordiertes Verhalten ist symbolisch und reflexiv zugleich.  Es ist nicht leeres, sondern aufgeladenes Verhalten, das vielstimmige Signifikanzen ausstrahlt. (... ) Symbolisches und reflexives Verhalten ist die Verdichtung der sozialen, religiösen, medizinischen und erziehehschen Prozesse auf dem Theater.  Aufführung bedeutet: nie zum ersten Mal.  Es heißt: vom zweiten bis zum x-ten Mal, heißt Verdoppelung von Verhalten.
Richard Schechner

Ein Satz von vier Scheiben; die größte zuunterst, die anderen auf der jeweils darunterliegenden, größeren aufbauend (...) Allgemein gesagt, jedoch nicht immer, enthält die jeweils größere Scheibe alle auf ihr aufliegenden kleineren.
Drama: der kleinste, intensivste (heißeste) Kreis.  Ein geschriebener Text, eine Partitur, ein Szenario, Anweisung, Plan oder Landkarte (...)
Skript: alles, was von einer Zeit zur anderen oder von einem Ort zum anderen übertragen werden kann; der grundlegende Kode des Ereignisses (...)
Theater: das Ereignis, das von einer bestimmten Gruppe von Darstellern aufgeführt wird (...) Das Theater ist konkret und unmittelbar.  Gewöhnlich ist das Theater die Reaktion der Darsteller auf das Drama und/oder das Skript, die Manifestierung oder Wiedergabe des Dramas und/oder Skriptes.
Performance: die weiteste und am schlechtesten zu beschreibende Scheibe; die ganze Konstellation der Ereignisse, die meist unbemerkt sowohl in den Darstellern als auch in den Zuschauern abläuft, vom Augenblick an, da der erste Zuschauer den Kreis der „performance“ betritt - den Bezirk, wo das Theater stattfindet - bis zu dem Moment, wenn der letzte Zuschauer gegangen ist.
Auch ist die Grenze zwischen „performance“ und normalem Leben willkürlich.    Verschiedene Kulturen ziehen diese Grenzen verschieden (...) Wo immer jedoch die Grenzen verlaufen mögen: Theater findet innerhalb des weitgesteckten Bereiches der „performance“ statt, und im Zentrum des Theaters finden wir das Skript, manchmal auch das Drama. (...)
In den Momenten, in denen der Tänzer "nicht er selbst und noch nicht nicht er selbst" ist, läßt sich seine Identität nur im Grenzbereich von "Charakter", „Repräsentation“, „Imitation“, „Entführung“ oder „Transformation“ lokalisieren.  All diese Begriffe kreisen um die Unmöglichkeit für den Performer zu bestimmen, wer er ist.
Richard Schechner

Für mich ist die Ethnologie der kunstvollen Darbietung (performance) wesentlicher Bestandteil der Ethnologie des Erlebens. (...) Gerade durch den Prozeß der Darstellung wird das, was normalerweise hermetisch in den Tiefen des soziokulurellen Lebens verschlossen, der Alltagsbeobachtung und dem Verstand nicht zugänglich ist, ans Licht befördert - Dilthey verwendet hier das Wort ausdrucken, im Sinne von „herauspressen“.
Victor Tumer

Performance kann einzig in der Gegenwart existieren.  Performance kann nicht gesichert werden, aufgezeichnet, dokumentiert oder in anderer Weise teilnehmen an der Zirkulation von Repräsentationen von Repräsentationen.  Wenn sie das tut, dann verwandelt sie sich in etwas anderes. (...) Die Interaktion zwischen dem Kunstobjekt und dem Zuschauer ist dasjenige, was performativ ist.
Peggy Phelan nach Bert O. States

- Performance ist keine Kunstrichtung im traditionellen Sinn, kein Stil, sondem eine Form, eine Handlungsweise, eine „Technik“.- Performance ist eine intermediäre Ausdrucksform.
- Performance bezieht sich auf alle Formen von Kunst, in denen der Schwerpunkt auf der Handlung liegt.
Diese Handlungen müssen keinen direkten praktischen Sinn haben: Sie sind Hinweise auf eine umfassendere Bedeutung.
- Performance ist immer authentisch: die Personen sind ausschließlich sie selbst Zeit und Raum sind
grundsätzlich real.
- Performances liefern mittels wahmehmbarer Handlungen lebendige Bilder: Das visuelle Erlebnis steht
im Zentrum fast jeder Performance.
- Eine Performance beabsichtigt nicht die Herstellung eines dauerhaften materiellen Produkts, sondem die
Schaffung eines einmaligen, ephemeren Ereignisses, das mit den Sinnen wahrgenommen, im Gedächtnis
festgehalten werden kann.
- Der Arbeitsvorgang, der Prozeß ist das wichtigste Element des Werkes.
- Ihr zentraler Inhalt ist die Auseinandersetzung mit der psychischen und physischen Beschaffenheit des einzelnen Menschen.
- Performance ist eine anstrengende Kunst, die noch vor das Mitdenken das Mitempfinden setzt.  Nicht eine sofortige Analyse ist wichtig, sondem der Mut zur Emotion - welcher auch immer.
Heinz D. Haun nach Elisabeth Jappe

Wissenschaftliche Experimente sind einmalige Ereignisse in der Welt, unternommen mit der Absicht, etwas sichtbar zu machen.  Was sichtbar wird, ist nicht etwas diesem Ereignis anhaftendes Einmaliges und Eigentümliches, sondem etwas, was auch in gleichartigen Performances in anderen Kontexten sichtbar wird. (...) Wissenschaftliche Performances sind adressiert an spezielle Gemeinschaften und sind Antworten auf Problemfragen, die in diesen Gemeinschaften gestellt wurden.  Aber eigentlich erfordert das Vorbereiten und Beobachten der Performance eine davon losgelöste Haltung, ein nicht zweckgerichtetes Interesse am Geschehen.(...) Performance ist vor allem anderen die Durchführung einer Aktion in der Welt, welche der Präsentation eines Phänomenens dient; die Aktion ist bezogen auf eine Repräsentation (zum Beispiel ein Text, Manuskript, eine Szene oder ein Buch), welche ein semiotisches System benutzt (wie z.B. die Sprache, ein Notationsschema, ein mathematisches System); schließlich entstammt die Performance einer entsprechend vorbereiteten Gemeinschaft (historisch und kulturell gebunden) und bezieht sich auf sie; diese Gemeinschaft erkennt in der Performance neue Phänomene.    Das Feld entwickelt sich durch die Interaktion dieser drei Faktoren.
Robert P Crease

Theater und Performance sind nicht notwendigerweise verschiedene Ereignisse, sie sind verschiedene Perspektiven auf dasselbe Ereignis, welches als Theater gesehen oder als Performance erfahren werden kann (... ) Performance ist weniger eine neue Kunstform als ein neues Paradigma, sie steht weniger für ein neues Phänomen als für eine neue Weise der Betrachtung bekannter Phänomene - eine andere Weise, auf sie zu reagieren, sie zu erfahren und über sie nachzudenken.
David E.R. George

Wenn man seine Beliebtheit und ausgedehnte Verwendung als Terminus bedenkt, erscheint Performance heute als mögliches philosophisches Paradigma, eine radikale Alternative zum modernistischen Textparadigma.  Dies (...) mag zu neuen Wegen führen, die Zeit, den Raum, die Person, gar das Wissen oder die Erfahrung selbst zu betrachten, die an die heutige wissenschaftliche Forschung und ihre Erscheinungen in Quantum-, Chaos und Komplexitätstheorien und neuere philosphische Nachfragen in der kognitven Wissenschaft oder Prozeßphilosophie angrenzen.  Es ist an der Zeit, diese Parallelen näher zu untersuchen.
David E.R. George

Eine Performance existiert immer und nur als ständiger Wechsel in der Zeit.    Dieser Wechsel gleicht über haupt nicht der linearen Zeit des Modernismus oder denen Analog in der Erzählung.  Lineare Zeit wird als rational, kausal, teleologisch konstruiert; dagegen ist die Zeit der Performance nicht nur vorübergehend, sondem auch verdoppelt und zweideutig.  Sie ist eine Gegenwart, die irgendwie einer anderen Gegenwart parallelläuft, ein Jetzt, das Nicht-Jetzt ist, aber auch NichtNicht- Jetzt.
Keine Performance ist je dieselbe wie eine andere.  Performances sind einmalige und unwiederholbare Ereignisse, durch Improvisation gekennzeichnet (das Wort bedeutet strenggesehen „unvorhergesehen“). (... ) Eine Performance wie z.b. Noh wendet dieses als Grundlage seiner ästhetischen Ambitionen an: „hana“, der Augenblick, wenn die „Blume blüht’, der Augenblick, in dem ein Performer die Zuschauer durch eine unerwartete Variation einer festgelegten Form erschrickt und über rascht, gilt als Geheimnis der ganzen Kunst.
Wo der Text - und damit auch der Autor oder der Regisseur - schon immer seinen Schatten auf das Theater geworfen hat, haben Performances nur die Schatten ihrer eigenen anderen Möglichkeiten.  Es sind Übungen in ruheloser Semiose, in denen alle Bedeutung von unter einander abhängigen Zusammenhängen abgeleitet wird, statt einem objektiven Referenten zugeschrieben zu werden... Performance ist nie eine Re-präsentation außer von sich selbst.
Eine Performance ist gegenwärtig in einem räumlichen sowie in einem zeitlichen Sinn, sie findet hier statt.  Dieser "hier" ist aber auch ähnlich verdoppelt und zweideutig - es ist ein hier, welches nicht-hier aber auch nicht nichtnicht-hier ist. (...) Indem sie zwei verschiedenen Raum-Zeiten überspannen, finden Performances immer und nur an einem spielerischen Ort statt.  Performances finden weder auf der Bühne noch im Zuschauerraum statt, sondern zwischen den beiden; sie sind eigentlich Übungen in der Erschaffung und Besetzung von Schwellen.
Indem sie den Unterschied zwischen Sein und Schein, Präsentation und RePräsentation verneint, erinnert uns die Performance daran, das „die Realität“ keines von beiden ist.  Performances und die Erfahrungen ihrer Zuschauer existieren im zweideutigen Raum, in zweideutiger Zeit, zwischen Gleichheit und Verschiedenheit, Realität und Illusion, Leere und Form: die Zeit Räume der Erfahrung. (...)
Performance behält die spielerische Eigenschaft aller Erfahrung bei.
Die Psychologie des Theaters zersplittert das „Selbst“ in Rolle einerseits und ein beobachtendes Subjekt andererseits.  Performance geht noch weiter: indem sie die Notwendigkeit der Persönlichkeit verneint, versetzt sie ihre Teilnehmer - sowohl die, die auf der Bühne agieren, wie auch die, die als Zuschauer agieren - in ein Gebiet, wo das Selbst nur durch seine Tätigkeiten verstanden wird. (...) In der Performance schaffen wir, wer wir sind, und der ist stets ein anderer.
David E.R. George

Quellen:

Yuichi lshida: " Force undRolle ".- Über die ‘Kraft’der Sprache und das Theater der Neuzeit“,- In: Forum modemes Theater, Bd 1211 Tübingen 1997
Bert O. States: Performance as Metaphor In: Theatre Journal, Johns
Hopkins University Press, 4811996,  Nr 1
Erving Goffmann: Wir alle spielen Theater.  München (Piper) 1997(6) Texte zur Theorie des Theaters,- Hrsg. und kommentiert von Klaus Lazarowicz und Christopher Balme, Stuttgart 1991
Richard Schechner: Theateranthropologie.  Spiel und Ritual im Kulturvergleich, Reinbeck bei Hamburg 1990
Richard Schechner: between theater and anthropology.  Philadelphia 1985
Victor Tumer:  Vom Ritual zum Theater - Der Ernst des menschlichen Spiels.    Frankfurt a.M. 1995
Peggy Phelan: Unmarked.  The politics of performance, London, New York 1993
Heinz D. Haun: " Eigentlich vertraut und dennoch fremd. " In: Korrespondenzen, März 1996
Robert P Crease: The Play of Nature: Experimentation as Performance; lndiana University Press 1993
David E.R. George: "Peformance Epistomology" In: Performance Research 1/1 spring 1996 „The temper of time
 

Helmut Hartwig

Es ist in der Rede und will aus ihr heraus (Alien). Es will die Rede durchqueren, hintergehen, unterlaufen, mißbrauchen, bloßstellen, überschrei(t)en, erleuchten (illustrieren).
Es sucht die Körper und gestikuliert sich hinein in Szenen.  Die Dinge.Die Wörter.Den Körper diskutieren.
(Konferenz und Abendmahl).
Stehen.Sitzen.
sich zusammensetzen
Zusammensetzen.
Die Künste zusammensetzen.
Rahmen bauen. Rede abbauen. " endlich handeln ! "
Es findet statt (it happens) Aber: ein Video ist kein Stuhl.
ICH ist ein MeDiuM, und es geschieht draußen.

„ Die Verfransung der Künste ist ein falscher Untergang der Kunst “ (Adorno)

STATEMENTS  PERFORMANCE

Performance ist die Vergegenwärtigung, das Auftauen eingefrorener Erinnerung, die freiwillige Unterordnung unter das Diktat der Kommunikation mit Restbeständen an Widerwillen und hervorquellender Unvermittelbarkeit, ist die Zurichtung der Selbstreferenz für eine ästhetische Propaganda.  Performance ist der Versuch, das Refugium der fröhlichen Einsamkeit mit starken Zeichen zu tarnen.  Ekkehard Binas

Im besten Sinne-. die Eröffnung eines Denkraumes.  Christel Weiler

Eine künstlerische Notdurft verrichten, als Notwendigkeit; Dinge sammeln, Räume benutzen, Handlungen tun, die man tun muß.  Ruth Geiersberger

Kultur und damit uns selbst mit all unseren verinnerlichten und geliebten Kulturgütern, Musik, Literatur, Philosophie, das Gute, das Wahre, das Schöne als etwas darzustellen, das erst noch domestiziert werden soll, kommt dem Aussprechen einer Kränkung gleich.  Brächte diese Kränkung einen humanistischen Fortschritt?  Heiner Mühlmann

,...a cultured society is one where the perceptive and expressive abilities of the human body are used to the full; where they provide the basic means of communication.    A civilized country is not always a ‘cultured’ society.“ (Tadashi Suzuki) Lambert Blum

Leerstück: Performance H.-F Bormann

Performance entsteht aus dem geglückten Zusammenschluß von Mensch und Technik.  Martina Leeker

Der performative „Modellvortrag“ leistet minimale temporäre Fokussierungen der Aufmerksamkeit mit Hilfe von Zeigenhandlungen und Sprache, handelt von Modellen und ist zugleich ein sich-selbst zeigendes und erklärendes Modell, spricht von dem, was er her stellt und stellt das her, wovon er spricht.  Hubert Sowa

Eine mehr oder weniger symbolhafte szenische Installation; ein experimenteller Versuch oder Grenzgang, den avantgardistisch-utopischen Gedanken der Aufhebung von Kunst und Leben in neuer Form zu repräsentieren.
Ulrich Winko

Hier ist der Zusammenhang zwischen der Kunst und dem Künstler am engsten, seine Äußerung am direktesten - ich kann seine Haltung, seine Motivation, sein Bemühen, seine Absicht, das Gelingen wie das Scheitern seiner Aktion verfolgen - alles ist untrennbar mit ihm verknüpft.  Bilder aus einem Augenblick der Aufmerksamkeit heraus, die Sekunden später wieder verschwinden.  Jürgen Fritz

1. Performance in universitärer Lehre - das ist der Versuch, dieser Vorstellung über die Bühne zu entkommen (frei nach S.J.Lec)
2. Performance ist gegenwärtige Bewegung in den Räumen zwischen Nähe und Distanz, Drüber und Drunter, Vorher und Nachher, in der wir uns bilden.  Johannes Beck

Redemaschine. Hartmut Dedert

Künstlerisch gestaltetes Ereignis in Zeit und Raum.  Als Fotografin interessiert der „entscheidende Augenblick“ einer Bewegung zwischen verschiedenen Kunstformen. Sabine Brunk

Praxis: eine spielerbezogene Aktivität mit unklarem Publikumsbezug, beschönigende Bezeichnung für eine unfertige Inszenierung, die ihren lmprovisationscharakter nicht zu behaupten wagt.
Theorie: ein i.A. noch proteushafter Sammelbegriff, äußerst anregend und unklar.  H.-W. Nickel

Der mittlerweile inflationäre Begriff  " Performance " erklärt sich für mich jedenfalls noch dadurch, was Performance nicht ist: Theater.  Also kein Gebrauch illusionistischer Mittel, kein Theaterblut, keine Kulissen - sondem es wird getan, was nötig ist, ohne Ornament.  Ulrich Müller

Informatik: Geschwindigkeit eines Computer-Systems/Kunst: Interaktive Kunstausstellung.    Ivo Haulsen

Ist als Aktionskunst - vor allem bildender Künstler geläufig.  In einem weiteren Sinn: jede ästhetische Aktion in der Öffentlichkeit, die dem Theater nahe ist durch den Ereignischarakter, ihm ferner durch fehlende Momente der ’Rolle’, des Erzählens von ‘Geschichten’. Hans Martin Ritter

Statement 1: Navigation durch Körperbalance
Statement 2: Wiederentdeckung der Körpersinne und Beobachtung der dynamischen Gesten unterschiedlichen Geschlechts und Kultur in den interaktiven Medien.  Monika Fleischmann

Was nämlich zentral abgewehrt wird, ist der Verdacht, die Vernunft könne im Entscheidenden auf einer Täuschung beruhen.  Wer dementgegen heute diesen Gedanken zuläßt, findet sich in einer prekären Lage.  Er hat nur noch die Chance, insofern auch er Vernunft in Anspruch nimmt, durch einen performativen Selbstwiderspruch hindurch den Weg ins Freie zu finden.
Dietmar Kamper

A radical form of pedagogy, performance art teaching takes its cues from the exploratory and experimental strategies employed by artists throughout the century (... ) Unlike the traditional discursive models of dualistical thinking, performance art cognition enables a nondis kursive complex of ideas and images to coexist simultaneously within the mind.
Charles R. Garoian

Strukturen Stadien. Rainer Trunk

Eigentlich beginnt die Performance in der Küche, dachte ich, drehte die Hühnerkeulchen im Oliventopf um, gab noch etwas frischen Ingwer dazu und der Duft des Thymians nach dem Ablöschen mit dem 95er Entre-Deux-Mers erfüllte den Raum.
Helmut Oesting

Da der Mensch ein Leib ist und einen Körper hat, entsetzt er sich mit seinem Leben einem Problem.  Dem Riß, ein Bild zu und ein Bild von sich zu machen.  Die Perforrnance Art ist der Ort in dem der Riß sich als Entsetzen zeigt.  Die Sprache die dort zum Sprechen kommt, ist die Sprache des Peinlichen und der Infamie.  Wenn keine Sprache zum Sprechen kommt, ist es das Nur der Anwesenheit, das Ausreichende an sich.
Boris Nieslony


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