PETER WOLF
DIE AURA EINER NEUEN GENERATION

Vortrag auf der 3. Performance Konferenz in Köln, 29. September 1996

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

"Die Aura einer neuen Generation"
ist das Thema dieses Vortrags und zugleich Titel eines künstlerisch-interdisziplinären Forschungsprojekts zum Jahrtausendwechsel. Als Leiter der LUDOM-Forschung, über die ich später noch sprechen werde, führe ich sie zuerst in die thematischen Grundlagen ein. "LUDOM" heißt übrigens rückwärts gelesen "MODUL". Doch da wir in eine andere als die gewohnte Richtung forschen, benutzen wir diesen Begriff spiegelverkehrt.

Wegweiser
Die einen werden diesen Titel als verheißungsvoll empfinden, die anderen als zynisch, wieder andere als anmaßend oder aber als Schaumschlägerei. Wenn dem wirklich so ist, erfüllt der Titel meine Intentionen.
Je nach Lebenseinstellung weckt der Slogan "Die Aura einer neuen Generation" Hoffnungen im Sinne von: "Ist die Welt doch noch zu retten?" und Neugier: "Wer sind die Hoffnungsträger?" Oder weckt Zweifel: "Es ist geht doch sowieso alles den Bach runter!" und Ärger: "Das ist doch wieder so ein Werbetrick!"
Und tatsächlich, dieser Titel könnte z.B. die Werbebotschaft der neuen BMW 7er-Modelle sein. Selbst TV-Geräte tragen heute den Namen "Aura". Viele andere "mystisch" und geheimnisvoll "magisch" befrachtete Begriffe werden heute in der Werbung verwendet, um Produkten eine immaterielle Qualität anzudichten. So wird versucht, die eigentlichen "wahren" Werte wie z.B. Zufriedenheit, Glücklichsein, Lebensfreude, Verbundenheit oder Selbstsicherheit, die bei unserer von wirtschaftlichen Interessen gelenkten funktionalen Lebensweise vernachlässigt werden, zu ersetzen durch künstliche Warenwerte. Also ein Titel, der sowohl menschlich-ursprüngliche Lebenswerte als auch deren Ausverkauf beinhaltet.

Begriffliches
Zuerst möchte ich einige wissenschaftliche Hinweise zu den Schlüsselbegriffen "Aura" und "Neue Generation" geben.

Die menschliche Aura ist bekanntermaßen ein immaterielles energetisches Phänomen und wird allgemein mit "Ausstrahlung" übersetzt. Der amerikanische Psychiater John C. Pierrakos, ein Schüler von Wilhelm Reich, beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit menschlichen, tierischen, pflanzlichen und kristallinen Energiefeldern und hat aufgrund seiner besonderen Fähigkeit, die Aura mit bloßem Auge wahrnehmen zu können, dabei eine diagnostische Methode entwickelt. Ich zitiere ihn aus dem Buch "Biophotonen - Das Licht in unseren Zellen": "Wenn jemand vor einem gleichmäßigen Hintergrund steht, der entweder sehr hell oder sehr dunkel ist, und wenn man es einrichtet, daß die Beleuchtung weich und gleichmäßig ist, dann kann man mit Hilfe von farbigen Filtern oder auch mit bloßem Auge ein erregendes Phänomen beobachten. Von den Umrissen des Körpers hebt sich eine wolkenhafte, blaugrüne Umhüllung ab, die bis auf etwa 60 Zentimeter bis 1,2 Meter Abstand hinausreicht, wo sie dann unbestimmt wird und sich in die Atmosphäre hinein auflöst. Diese Umhüllung leuchtet und wirft einen Schein auf die Körperumrisse, ähnlich wie die Strahlen der aufgehenden Sonne auf den Umriß eines dunklen Berges. Ein bis zwei Sekunden schwillt sie langsam an, vom Körper nach außen, bis sie ein fast perfektes Oval mit ausgefransten Rändern bildet. In dieser voll ausgebildeten Form verharrt sie etwa 1/4 Sekunde lang und verschwindet dann innerhalb von 1/5 bis 1/8 Sekunde vollständig. Sie bleibt etwa eine bis drei Sekunden verschwunden, bis sie wieder erscheint, um den beschriebenen Vorgang von vorne zu beginnen. Dieser rhythmisch pulsierende Prozeß wiederholt sich normalerweise bei einem ruhenden Menschen etwa 15- bis 25mal pro Minute." Pierrakos gibt weiterhin Hinweise auf 3 verschiedene auratische Schichten, die jeweils verschieden dick sind und unterschiedliche Farbigkeit, Transparenz und Leuchtkraft besitzen.

Generationen kommen und gehen. Sind angepaßt oder unangepaßt. Jeder von uns gehört mindestens einer Generation an. Generationen treten scheinbar linear nacheinander auf, grenzen sich scheinbar deutlich voneinander ab. Doch der Eindruck täuscht. Viele Generationen existieren gleichzeitig nebeneinander und überlagern sich.
Was macht eine "neue" Generation denn nun definitiv aus? Wird sie nur künstlich simuliert von Industrie und Werbung, die zwangsläufig immer bestrebt sein müssen, Bedürfnisse zu wecken oder gar zu schaffen, um zu leben und zu wachsen? Ist es der Zwang der Forscher, neue Erkenntnisse zu liefern und neue Erfindungen zu präsentieren? Ist es die Geilheit der Medien nach neuen Trends, dem Stoff, aus dem Auflagen und Einschaltquoten und Arbeitsplätze sind? Oder entwickelt sie sich zwangsläufig aus einer aktuellen gesellschaftlichen Krise und Notwendigkeit heraus, als Anpassung oder Gegenbewegung? Oder geht es einfach immer wieder darum, eine angemessene und produktive Haltung dem Leben gegenüber im jeweils zeitgenössischen Licht zu sehen? Das sind einige der elementaren Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen.
Neue Generationen werden älter und gehen irgendwann in die Geschichte ein. Sie leben in den "neuen" Modetrends den Inhalten entrissen dann doch noch weiter als oberflächliche Projektionsfläche. Beispiele sind die Nachkriegs-Generation, die 68er Generation, die No-Future-Generation die New Age-Generation, die postmoderne Generation, die X-Generation, die Y-Generation. Ich würde die Generation, der wir auf die Spur kommen wollen, einfach als Generation "A" bezeichnen. A wie Adam und Anna. An der Grenze eines alten zu einem neuen Jahrtausend wird uns Auserwählten, die wir einen solchen Jahrtausendwechsel miterleben dürfen, die Chance gegeben zu einem Neuanfang bzw. zur Transformation auf eine höhere Ebene des kollektiven Bewußtseins (Stichwort: Wassermann-Zeitalter). Denn eine wirklich "neue" Generation ist nicht altersspezifisch, sondern bewußtseinsspezifisch. Soviel wissen wir heute. Die "Aura" einer neuen Generation ist der Hauch, die Ausstrahlung, ein Leuchten, eine Vorahnung usw. von etwas neuem. Eine in ihrer klaren Erkennbarkeit noch im Zukunftsnebel liegende, irgenwie aber schon jetzt spürbare Kraft. Die Aura einer neuen Generation impliziert also einen im Moment stattfindenden bzw. in der nahen Zukunft liegenden Bewußtwerdungsprozeß.
Wie erkenne ich, werden Sie fragen, ob ich vielleicht selbst ein Mitglied dieser ominösen neuen Generation bin? Dazu kann ich im Moment nur soviel sagen: Das zu erkennen erfordert vor allem ein gewisses Bewußtsein gegenüber der Wirklichkeit, der eigenen Existenz und der Aufgabe - sprich: Herausforderung - die das eigene Leben an den Einzelnen stellt und der er mit entsprechender Haltung bereit ist, sich zu stellen.
Soviel zu den allgemeinen Aussichten. Im speziellen geht es natürlich auch um eine "neue" Künstlergeneration und die Frage, welche Anforderungen die aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten an die Kunst stellen und welche Herausforderungen sich für die Künstler heute daraus ergeben.

Innovation
heißt das Zauberwort, über das ich im Folgenden sprechen möchte.
Erneuerung, eine neue Generation von Künstlern mit einer Haltung, die die aktuelle gesellschaftliche Situation einerseits, die Möglichkeiten und Chancen, die sich aus der aktuellen Situation heraus ergeben können andererseits, wiederspiegelt. Es geht um innovatives Verhalten gegenüber und gleichzeitig in Verbindung mit der eigenen Umwelt.

Wie sieht künstlerische Innovation heute aus? Das heißt, wie setze ich als Künstler meine Sensibilität in dieser "Wendezeit" effektiv ein?
Hier einige Beispiele:
- Künstler forschen interdisziplinär.
- Künstler verstehen sich als freie Unternehmer, sind ihre eigenen Manager und praktizieren Selbstorganisation.
- Künstler übernehmen die volle Verantwortung für ihr Tun, ergreifen die Initiative und werden selbst öffentlich. Sie stärken damit ihre eigene Position und relativieren die üblichen Marktstrukturen der Vermittlung und des Verkaufs.
- Künstler pflegen Netzwerke, um durch Kommunikation und Zusammenarbeit ihre Kräfte zu bündeln und ihre Effektivität zu steigern.
- Künstler praktizieren Kunst&Leben, d.h. sie suchen durch Aktionen den persönlichen Kontakt mit dem Publikum, trainieren durch Begegnungen mit dem Unerwarteten ihre Intuition und Improvisation, suchen neue Erfahrungen.
- Künstler suchen nach wirksamen Methoden, um öffentlich künstlerisch zu arbeiten. Das tun sie, indem sie ihre Modelle in Vorträgen, Aktionen und Performances "live" präsentieren.
- Künstler räumen bewußt mit sich auf, um ihre Neurosen nicht mehr unbewußt durch Kunst zu kompensieren. Sie unterziehen sich im Zweifelsfall z.B. psychotherapeutischer Behandlung und übernehmen somit bewußte Verantwortung für ihr Leben.
- Künstler sind vielseitig und flexibel, sind z.B. Moderatoren, Autoren, Entertainer, Journalisten, Handwerker, Magier, Techniker, Forscher, Naturwissenschaftler in Personalunion.

Künstlerische Forschung
In diesem Zusammenhang nimmt die Kunstform "Performance" eine elementare Stellung ein und zwar aus verschiedenen Gründen.
Meine aktuelle Definition für diesen Begriff lautet: Performance ist am eigenen Leib zu erfahrende künstlerische Forschung. Eine bewußte Tätigkeit, die sich aus dem unbewußten Handeln in der Öffentlichkeit heraushebt. Der Begriff des Bewußtseins, der Bewußtheit, nimmt, wie schon angedeutet, bei Kunst allgemein und bei der Performance im Speziellen eine Schlüsselstellung ein. Sie ist eine konkrete Aktivität, die für einen Ort der Wahl erdacht, entwickelt und an ebendiesem Ort durchgeführt wird. Der innovativste Aspekt der Performance beruht auf der Beweglichkeit des Performers. Er ist nicht auf einen besonderen Kunst-Raum angewiesen, kann seine Performance quasi überall durchführen - neben den Möglichkeiten im üblichen Rahmen - ist flexibel und unabhängig.
Es ist allein eine Frage der inneren Einstellung bzw. der Haltung, die eine Performance zu einer ebensolchen macht. Es ist durchaus nicht neu, innerhalb von Alltagswelten zu performen. Diese Art der Performance gewinnt in jüngster Zeit allerdings durch ihre unmittelbare Einsetzbarkeit und Wirkung immer stärkere Bedeutung. Der Performance-Künstler hat die Möglichkeit, permanent präsent zu sein. So ist es auch naheliegend, diesen Vortrag als Vortrags-Performance zu begreifen - in dem Maße, in dem sich Kommunikationsformen als Perfomance-Elemente begreifen lassen. Performance ist das elementare, weil unmittelbare und überall einsetzbare Medium für den "neuen" Künstler. Der hat keine Hemmungen, wie gewohnt sämtliche mögliche Materie und Immaterie, die sogenannten "Neuen" Medien, mit denen es sich so zeit- und trendgemäß kommunizieren läßt, zu beherrschen und für künstlerische Forschung zu nutzen. Neu sind beim "Internet" z.B. nicht unbedingt die Botschaften, denn die hängen allein von den Usern ab, sondern die Formen des Austauschs von Informationen und vor allem die Unabhängigkeit und Selbstverantwortlichkeit der Nutzer. Insofern ist dieses Medium als Symbol für "Freiheit" natürlich auch eine Botschaft. Das trifft in gleichem Maße für die Kunstform "Performance" zu. Was liegt also für den Performance-Künstler näher, als die "Neuen" Medien einzusetzen bzw. sich aktiv damit auseinanderzusetzen. Das Neue besteht bei diesen Medien u.a. in der Immaterialität. Der Künstler wird beweglicher, weil unabhängiger von Materie. In einer überfüllten Welt, in der es zum Teil von allem zuviel gibt (1.Welt) und von diesem Allen vieles überflüssig ist (Überflußgesellschaft), und in der es zum anderen Teil vom Nötigsten (Nahrung, Kleidung, Wohnung) zu wenig gibt (3.Welt), gilt es vor allem, sie nicht noch voller zu machen (Sein-lassen), das Nötige zu mehren und das Überflüssige zu dezimieren (Los-lassen, Gleichgewicht). Schon Vorhandenes sollte besser und effektiver genutzt werden ("Müll"verwertung) und gegebenenfalls umfunktioniert werden. Es sollten Bedingungen geschaffen werden, unter denen man auf Dinge verzichten kann - und das ist wie so oft eine Frage des Bewußtseins. Was man wirklich braucht, ist oft immateriell - Liebe, Aufmerksamkeit, Vertrauen, Trost, usw. In diesem speziellen Punkt ist Performance das Gegenteil zum Internet, denn eine Performance ist, weil an den Körper des Performers gebunden, extrem materiell.

Konkret
Nun zum Forschungsprojekt "Die Aura einer neuen Generation". Mein persönliches Modell für interdisziplinäre Zusammenarbeit heißt: LUDOM CLUB. Ein Club für Spezialisten und Generalisten gleichermaßen, der zu konkreten Fragestellungen und Anlässen in wechselnder Besetzung Vorschläge erarbeitet und im Sinne eines "Club of Rome" unabhängige, beratende Funktion hat.
Dann gibt es die LUDOM-Forschung, die versucht, die im Club entwickelten Theorien und Konzeptionen in Forschungsprojekte zu übertragen. Die LUDOM-Forschung entwickelt Praxismodelle und betreibt Verhaltensforschung, u.a. in Form von Psychologischen Tests und Versuchsanordnungen, vorwiegend im Selbstversuch.

Als praktisches Beispiel für die Arbeit der LUDOM-Forschung demonstriere ich ihnen zwei von uns entwickelte Ausdrucksformen, die auf Körperkybernetik basieren: die LUDOM-Fremdsprachen und die LUDOM-Gangarten

(Es folgt eine ca. 2-minütige Demonstration)

Das Projekt
Zusammenfassend ist zu sagen, daß "Die Aura einer neuen Generation" ein Thema ist, das nicht a priori exakt definiert ist, sondern das es erst zu erforschen gilt und das sich als "work in progress" nach und nach in seiner Komplexität zeigen wird. Die Aura einer neuen Generation wird so im Raum/Zeit-Kontinuum Schritt für Schritt spürbarer werden. Es geht um eine neue Generation im Allgemeinen und ihre Aura im Speziellen. Der jeweils aktuelle Stand der Forschung wird vom LUDOM CLUB jährlich in Form von Vorträgen, Events und Ausstellungen aktuell veröffentlicht - so wie auch hier und heute. Im Jahr 2000 dann sollen die Forschungsergebnisse in einer multimedialen Live-Veranstaltung der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Es sind Publikationen in Form von Broschüren, einem Magazin und einer CD-Rom geplant . Diese Medien werden dieses den Jahrtausendwechsel begleitende Thema auch zu hause verfügbar und erfahrbar machen werden. Selbstverständlich wird der aktuelle Stand der Forschung auch über das Internet zugänglich gemacht.
Dieses interdisziplinäre Projekt wird also über die nächsten 4 Jahre an der Schnittstelle von Kunst und Alltag ermitteln. Teilweise schon vorhandene und noch zu entwickelnde Aufgabenstellungen werden nach und nach in konkrete Modelle und Testsituationen umgesetzt, die wiederum Erkenntnisse liefern werden über das, was der Titel dieses Vortrags in Zeit und Raum stellt.

Sachdienliche Hinweise nimmt die LUDOM-Forschung übrigens gerne, dankbar und jederzeit entgegen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


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