ENNO STAHL
EINIGE (SEHR SUBJEKTIVE) NOTIZEN VORAB

Wenn man über Performance spricht, muß man sich zunächst mit Vorurteilen auseinandersetzen. Insbesondere seitens der Kunstpresse verlautet z. B. zu diesem Thema für gewöhnlich, daß Performance im Grunde gegessen sei, daß die Performance eine Erscheinung der 60er und 70er Jahre gewesen und heute allenfalls noch als dritter Aufguß anzusehen sei. Daran schließen sich dann häufig solche Argumente, daß der Kunstcharakter der Performance überhaupt und grundsätzlich zu überdenken wäre - was natürlich nicht nur alle zeitgenössischen Bestrebungen in ihrem Existenzrecht beschränkt, sondern noch die "Performance-Geschichte" zu unterminieren, ihr die Legitimation im Nachhinein zu nehmen versucht. Daß dieser Argumentation offensichtlich politische Absichten unterliegen, ist unübersehbar. Denn hier wird gerade die Sparte der Kunst gemaßregelt, die stets Reservoir der aufmüpfigsten Äußerungen gewesen ist, die am eindrucksvollsten den anarchistischen, rebellierenden Geist der Avantgarde bewahrt hat und sich wie keine andere gegen die vom Establishment verordnete "Institution Kunst" wendet. Das heißt zugleich, sie richtet sich gegen den Markt, gegen die kommerzielle Verwertung (d.h. Indienstnahme) der Kunst. Dadurch, daß Performance "flüchtig" ist, direkt nach ihrem Zustandekommen für immer verschwindet, demonstriert sie den imaginären Charakter der Kunst insgesamt. Kritisiert man diese Position als nicht mehr zeitgemäß, gerät man automatisch unter "Ideologieverdacht", weil man das tatsächliche Wesen der Kunst intentionell zu verwischen, ja das längst überkommene Ideal des auratischen Kunstwerks zu re-etablieren sucht. Die Haltung der Kunstkritik läßt folglich deren eigene Hörigkeit nachvollziehen, demonstriert überdeutlich, wie sehr sie sich (die ja im Gegensatz zur Literaturwissenschaft extreme Positionen der 50er-Jahre etc. durchaus noch mit durchgesetzt hatte) inzwischen zum bloßen Erfüllungsgehilfen des Kapitals verkommen ist.
Das ist der theoretische Aspekt der Angelegenheit; doch auch praktisch gesehen geht eine solche Diffamierung der "Performance-Kunst" an den Tatsachen vorbei, verrät sie doch zumindest weitgehende Unkenntnis über die zeitgenössischen Entwicklungen der späten 80er und beginnenden 90er Jahre auf diesem Gebiet. Sich einen Überblick zu verschaffen ist allerdings zugegebenermaßen schwer, denn, wie gesagt, Performance ist flüchtig, sie ist grundsätzlich nur unzureichend zu dokumentieren (egal ob per Text, Foto oder Video), weil das Eigentliche, der Spannungsraum, den Performance aufbaut, darin nicht vorkommt. Daher kann man im Grunde nur über Performances sprechen, die man tatsächlich selbst miterlebt hat (& das gilt auch für die folgenden Ausführungen). Zudem taucht Performance ebensowenig im öffentlichen, ästhetischen Diskurs auf wie in Rezensionen der Tagespresse oder in Kunstzeitschriften. Es gibt keinerlei Forum, das regelmäßig Performance-Veranstaltungen durchführte oder in gebündelter Weise über die heutigen Strömungen informierte. Performance findet gewissermaßen unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Das ist eine Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt: da sie medial nicht präsent ist, wird sie medial nicht präsentiert. Auch Versuche, neue, originäre Qualitäten oder Gemeinsamkeiten zeitgenössischer Performance-Kunst herauszuarbeiten, kranken unausweichlich an diesem Dilemma. Da Performance gerade durch Vielfalt und Heterogenität gekennzeichnet ist, erscheint ein systematischer Zugang beim augenblicklichen Stand der Information nahezu unmöglich. Zudem kann man letztlich nur über jene Performances sprechen, bei denen man tatsächlich selbst dabeigewesen ist. Eines allerdings kann ganz objektiv festgehalten werden - die Performance boomt, allen Unkenrufen zum Trotz, und zwar jene Performance, die nicht als bloßes Zubrot einer Ausstellungseröffnung serviert wird, Performance als eigenständige Kunstaktion. Nach der Hochzeit der Aktionskunst bis Beginn der 80er Jahre ist nunmehr eine breite Schar von Performern einer jüngeren Generation nachgewachsen, ein Zentrum bildet dabei die Kunstmetropole Köln, was allein wegen der dort ansässigen Künstlerdichte nicht verwundert. Es finden jedoch nicht nur dort eine Vielzahl von Performance-Abendveranstaltungen oder auch Festivals statt, die zumeist eher aus dem "Underground" heraus organisiert werden, als daß sie vom offiziellen Kunstestablishment abgesegnet wären.
Es gibt bislang nur sehr wenige Überschneidungen dieser jüngeren Szene mit der Performern des FLUXUS- oder Nach-FLUXUS-Umfelds, was vermutlich gleichfalls als eine Konsequenz der mangelnden Verankerung der Performance in der künstlerischen Öffentlichkeit anzusehen ist. Zugleich hat das aber auch zu einer relativ eigenständigen Entwicklungsgeschichte der neuen Generation geführt.
Natürlich gibt es hier - wie überall - qualitative Unterschiede, und man wird bei solchen Anlässen immer wieder Aufführungen begegnen, die den o. g. Vorurteilen voll und ganz gerecht werden. Das wirft dann in der Tat die Frage auf, wann Performance Kunst, wann Kunst Performance und was Performance überhaupt ist. Das ist schwer zu beantworten, weil mit jeder (auch nur tendenziell) inhaltlichen Definition bereits eine unzulässige Verengung des Bereichs einhergeht. Mein Vorschlag wäre: PERFORMANCE IST, DASS ETWAS PASSIERT UND DASS NUR DAS PASSIERT - was manchem womöglich schon zu exclusiv erscheinen mag; dies jedoch nur als "Arbeitsbegriff", damit man in etwa weiß, wovon man spricht. Auch sonst sind Verallgemeinerungen sehr schwierig und werden einigen wichtigen Erscheinungsformen nicht gerecht; dennoch kann man einige Grundzüge des zeitgenössischen Performance-Schaffens anführen, die sicher eher exemplarischen Charakter besitzen als verbindlichen oder gar vorschriftsmäßigen. Auffällig ist zunächst einmal, daß Performances heute kürzer sind als früher, während für die Performance-Generation der 70er-Jahre 30 Minuten Dauer ein Durchschnittswert gewesen sein mag (und bisweilen unendlich viel mehr), sieht man heute zumeist 5-minütige Kurz-Performances ("Performance-Clips"), die sich an den aktuellen Seh- und Hörgewohnheiten orientieren, schon 10 Minuten sind eine Seltenheit. Das mag zunächst einmal als ein lediglich quantitatives Kriterium erscheinen, es ist aber mehr: Denn solche "Clips" geraten ungleich seltener zur notorisch-ätzenden "Performance-Langeweile", was ansonsten einen (angesichts vieler früherer Darbietungen) nicht ganz unbegründeten Einwand gegenüber der Performance darstellt. Wenn man nur 5 Minuten hat, muß man in dieser Zeit auf den Punkt kommen, das ist die einfache Essenz. Formal führt das zu einer schnelleren, dichteren Abwicklung der Themen oder zur Reduktion, zur Beschränkung auf eines oder wenige Motive. Die Folge ist größere Prägnanz jeglichen Handelns während der Aktion. Jede Handbewegung, jede Aktionskomponente erhält in dem verkürzten Zusammenhang sehr starkes Gewicht, ein Aspekt, der sich (handwerklich) sowohl positiv wie auch negativ deutlich bemerkbar machen kann. Da es keine Verweilzeiten gibt, muß man sehr genau darauf achten, was man tut. (Das schließt längere Performances nicht aus, aber sie sind von der Erfahrung der Kürze geprägt (oder sollten es sein) & besitzen so ebenfalls 1 höhere Handlungsdichte).
Vermutlich ebenfalls als Konsequenz aus der veränderten Wahrnehmung der jetzigen Generation sind heutige Performances oftmals witziger, auch unterhaltsamer als in der "Blütezeit", was weder gegen die Tradition argumentieren noch etwa besagen soll, "ernste" Performances fänden heutzutage nicht mehr statt oder seien gar unmöglich. Es fällt lediglich auf, daß viele der heutigen Performer verstärkt mit dem Mittel des Humors arbeiten, um ihre Inhalte zu vermitteln. Natürlich war das auch in der Vergangenheit bisweilen der Fall, und man könnte sagen, daß sich viele, jüngere Performer vielleicht gerade auf diese Bestandteile des (beispielsweise) FLUXUS beziehen, in denen solch anarchischer oder paradoxer Witz zum Ausdruck kommt. Performance als Dokumentation einer einzigen guten Idee, eines bizarren Einfalls, der vielleicht in seiner Verschrobenheit die "Wohlgefügtheit" der Welt, wie sie (angeblich) ist, für einen Augenblick außer Kraft setzt, sie in Frage stellt, alternative Perspektiven ermöglicht. Performance heute hat keine Angst mehr dem "Stigma" der Unterhaltung, des Klamauks und bloßen Nonsens. Sie sieht sich nicht in der Notwendigkeit einer kontingenten Weltausdeutung, sondern rebelliert eher dagegen. Das heißt, in dieser Weise sind manche Performances gewissermaßen bewußte Gegenpositionen zur "klassischen" Performance-Vorstellung (wenn man denn von so etwas sprechen kann), während andere vielleicht an die Traditionen anknüpfen, sie weiterzuentwickeln versuchen. Die Impulse für die heutige Performance stammen jedoch nicht allein aus der eigenen Gattungsgeschichte (DADA, FLUXUS, 70er Jahre), sondern auch aus der Musik (Trash, Punk, Rap) und dem Bereich von Video-Kunst/Kommerz-Video. Sie entspringen nebendem - und das ist wahrscheinlich für Performance ganz prinzipiell von Bedeutung - dem eigenen Alltagsleben; dieses jedoch hat sich ebenfalls inzwischen verändert, gegenüber von vor 20, 30 Jahren, folglich sind auch die Expressionen andere.
Dieser heitere, etwas lockere Umgang mit den Themen bewirkt eine andere Position auch des Publikums, das bekanntlich eine ganz entscheidende Rolle für die Spannungsentfaltung besitzt, welche letztlich die Performance ist. Da hier nicht mehr die Anstrengung verlangt wird, ein stark verklausuliertes, hermetisches Gebilde interpretativ mitzuverfolgen, wie es bei vielen "klassischen" Performances (s.o.) der Fall war (und heute noch ist bei Vertretern dieser Generation), stellt sich die Beziehung zwischen Akteur und Publikum umgänglicher dar. Es entsteht leichter jener Dialog (der s.o. die Performance ist), wenn z.B. allseits bekannte Sachverhalte aus der Trivialwelt Darstellungsthema sind, wenn der Zuschauer die Performance dementsprechend aus seinem eigenen Erfahrungshaushalt problemlos nachvollziehen kann.
Dies als einige erste Anregungen; hier sei nochmals darauf hingewiesen, daß diese Notizen keinen Anspruch auf Vollständigkeit besitzen: es ist das Wesen der Performance, daß sie nach allen Seiten aus jeder Kategorisierung herausfällt. Da eine solche Feststellung aber auch nicht weiterführt und lediglich den "status quo" zementiert, daß wir so gut wie nichts über aktuelle Erscheinungsformen der Performance wissen, seien diese Ausführungen als ein kleiner gemeinsamer Nenner und als Diskussionsgrundlage verstanden, die für Erweiterungen in gleichwelcher Hinsicht jederzeit offen ist. Ansonsten gilt genaugenommen, wenn man über Performances sprechen will, über ihre atypische Originalität, die sie von der Performance-Kunst der Vergangenheit absetzt, daß man dies nur am konkreten Muster tun kann. Dagegen ist nichts zu sagen. im Gegenteil:
Es sollte viel mehr über Performances gesprochen werden!


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