INGEBORG BROSKA
FLUXUSFRAUEN

Vor ca. 30 Jahren wurde in Aachen bei der Eröffnung einer Fluxus Ausstellung eine Rede auf dem Kopf stehend gehalten. Wir sind inzwischen schon weiter und Wiederholungen in der Kunst geschehen ja meist ungewollt! Deshalb stellte ich mir vor, daß heute, während ich rede, das Publikum auf dem Kopf stehen soll. Damit wäre schon ein Fluxuskriterium erfüllt: Demokratie in der Kunst [jede/r kann Kunst machen - wie auch schon Yoko Ono in den 60er Jahren sagte (Yoko Ono „Grapefruit“, Japan ´64)]
Die Idee des Fluxus wurde lange vor der Fluxusbewegung in der Kunst geboren. Fluxus bedeutet soviel wie Strömen bzw. Fließen. Von Fluxus als Kunstrichtung sprach man erstmalig in den 60er Jahren, als Kunst sich weg von den bis dahin tradierten Normen bewegte: ephemehre -vergängliche Kunst trat in den Vordergrund. Mit der Erfindung der Kommunikationsmedien wurde es möglich, ein Kunstereignis “multimedial” festzuhalten.
Fluxusbewegungen entstanden aufgrund neuer Weltanschauungen parallel in den verschiedensten Ländern der Erde gleichzeitig (Europa, USA, Japan etc.).
Verwirrung der alltäglichen Betrachtungsweise, kritische künstlerische Hinterfragung, politisches Engagement in der Kunst wurden zunehmend wichtiger. Zugleich wurde eine bewußte Einheit von Kunst und Leben angestrebt. Die einzelnen Kunstformen z. B. Musik, Film, Video,Theater, bildende Kunst, Literatur, Photografie etc. sollten integriert werden.
Die Kunst wurde “vom Sockel” bzw. von der Wand heruntergeholt. Performances, Happenings, Aktionen traten anstelle der üblichen Vernissagen.
Die Geburtsstunde des Fluxus wird heute im Jahr 1962 gesehen, beim ersten Fluxusfestival in Wiesbaden. Im “Fluxeum” leben und arbeiten seit damals ständig Künstlerinnen und Künstler. Die Einheit von Kunst und Alltag wurde gemäß der Fluxusidee wieder verwirklicht - orientiert an frühen Lebensformen vor der Industriellen Revolution.
Man streitet sich heute darüber, wer das Wort “Fluxus”erfunden hat.
Experimentelles Forschen, Geschichtsbewußtsein, Verspieltheit, Humor, Spaß, Lebendigkeit. Sparsamkeit der Mittel...... sind weiterhin typisch für Fluxuskunst, ebenso die Einbeziehung des Zufalls in ein Kunstereignis (Ken Friedmann in “Fluxus subjektiv”, Katalog der Galerie Krinzinger, Wien 89/90).
Heute weiß man (frau), daß ein wichtiges Fluxuskriterium Demokratie in der Kunst - insbesondere für Künstlerinnen, nicht verwirklicht wurde. Das Phänomen, daß Künstlerinnen in der Öffentlichkeit meist außen vor blieben, war in fast allen Ländern, in denen Fluxusbewegungen entstanden zu beobachten (Jon Hendricks, Fluxusexperte, meint, in Deutschland war dies besonders der Fall).
War das Prinzip des Zufalls schuld daran?
Der Titel meines Vortrages lautet: Frauen im Fluxus. Erst beim Lesen des Programms fiel mir auf, daß dort von “Fluxusmännern” die Rede ist. “Fluxuskünstlerinnen” hätte die Überschrift heißen sollen. Selbst fortschrittlichen partnerschaftlichen Programmgestalter/Innen können solche Fehler unterlaufen. Hätte sich bis heute nichts geändert, stände ich nicht hier....
Frauen im Fluxus gab es wahrscheinlich genausoviele wie Männer, jedoch traten sie außer wenigen Ausnahmen, auf die ich gleich noch zu sprechen komme, kaum oder garnicht in Erscheinung.
Bei der Durchsicht von Fluxusliteratur stellt man sehr schnell fest, daß kaum Frauen bei öffentlichen Aktionen zu sehen waren. Das ist logisch, denn sie waren im Hintergrund (Küche) damit beschäftigt, die kommunikativen Vorraussetzungen für die “Soziale Plastik" zu schaffen (Schnittchen, Häppchen, Drinks, und vieles mehr). Ein neuer Kunstbegriff wurde kreiert: die assoziale Plastik. "Ein Tritt in die Fettecke!"
Zitat: Mary Bauermeister 1986:
"...... was war da alles noch an geistigen Kräften, die daran glaubten, unsere Gesellschaft verändern zu können.” Wie Paik einmal sagte, “Ich werde bekannt als Künstler, das ist der Weg für mich, aber ich werde dann der Menschheit helfen, Änderungen herbeizuführen” (Mary Bauermeister, 30. 4. 1986.
".... Ich mietete ein großes Atelier... dieses Atelier wurde automatisch auch der Wohnraum von allen, alles lag voller Matrazen... Ich habe (im Nachhinein wird bewußt, daß die gesponsorten nur Männer waren) alle ernährt und finanziell durchgezogen” ... Ich bin wie ein Hausierer mit meinen Bildern von Haus zu Haus gegangen.
In Mary Bauermeisters Atelier traf sich damals die Avantgarde aus Musik und Kunst. Ohne sie wäre eine solche Szene damals nicht entstanden.
Bei einem Besuch in Ihrem Atelier sagte sie mir, daß sie zwar in Amerika in fast jedem wichtigen Museum vertreten sei, jedoch in keinem einzigen deutschen (sobald das Frauenmuseum Bonn zu Geld kommt, wird sich dies ändern).
Aber wir können hoffen (s. Paik).
Von 18,5 Kilo Fluxusliteratur, die ich hier in meinem Wäschekorb mitgebracht habe, sind immerhin 0,4 kg dabei, in der über Künstlerinnen berichtet wird. Bei 1,03 lfm Dokumentation sind 2,5 cm denselben gewidmet. In Kilo, Metern oder beim Zählen auf den Dokumentationsfotos komme ich immer auf 1 bis 2 %.
Seit 12 Jahren arbeite ich im Frauenmuseum Bonn und es ist mir ein besonderes Anliegen Fluxuskünstlerinnen vorzustellen. Ich betätige mich sozusagen als Fluxuskunstarchäologin, denn oft ist es sehr schwierig, vergessenen Künstlerinnen auszugraben. Künstlerinnen sollen ja auch Forscherinnen (insbes. der Frauengeschichte) sein, wollen sie etwas bewußtmachen.
Seit vielen Jahren taucht immer wieder die Frage auf, was denn überhaupt der Unterschied zwischen “Frauen” und “Männer”-Kunst sei.
2 Beispiele:
Jürgen Klauke mit Putzeimer auf dem Kopf (er sieht nichts mehr.) Ein Beitrag zum Jahr der Frau ("Rund ums Essen" - Katalog Kunst u. Museumsverein Wuppertal, Hrsg. Ulrike Ottinger, ´87).
Rita Preuss mit Kochtopf auf dem Kopf und Petersilie im Mund... dieses Bild heißt “Selbst mit Kochtopf” (Katalog, Rita Preuss).
Umwickelt ein Künstler einen Baum mit Windeln, weckt dies andere Assoziationen als wenn das Gleiche eine Künstlerin, die selbst Kinder geboren hat und jahrelang Windeln wusch, dies tut. Das Ergebnis ist ästhetisch gleich... Der Kontext, in dem eine Arbeit entstand, ist doch interessant! Kunstkonsument/Innen können sich alles unreflektiert an die Wand hängen, aber reicht das aus? Die Verbindung zwischen Haushalt (Alltag) und Kunst wurde immer schon von Künstlerinnen vollzogen, blieb unbeachtet bis Künstler diesen Bereich okupierten (sponsert by my housewife).
Von Künstlerinnen bleiben oft nur Kochrezepte übrig (Heldinnenfriedhof - Grabsteine mit Kochrezepte).
Über den künstlerischen Tellerrand hinausschauend, wurde im Frauenmuseum 1993 eine Ausstellungsreihe “Fluxus-Künstlerinnen" im Frauenmuseum gestartet.
Im Jahr 1985 hatte Mary Bauermeister im Frauenmuseum, sozusagen als Vorläuferin, eine Einzelausstellung.
Ihre in den 60er Jahren entstandenen freien Textilarbeiten waren wegweisend für die Kunst und werden heute immer wieder von anderen Künstlerinnen und Künstlern nachempfunden. Seit den siebziger Jahren, beschäftigt sich die Künstlerin mir "Grenzwissenschaften, Heilung, Symbolen, Farben und deren Energien."
Meine Auswahl der Fluxuskünstlerinnen, entstand aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit dem Frauenmuseum oder anderer befreundeter Museen bzw. Institutionen, persönlicher Kontakte oder besonderem künstlerischen Interesse an deren Werk.
Die folgenden Künstlerinnen waren bereits mit Einzelaustellungen im Frauenmuseum oder werden dort in der erwähnten Austellungsreihe bis zum Ende dieses Jahrzehnts ausstellen.
Yoko Ono
Sehr lange bevor ich Yoko Ono als Künstlerin kennenlernte, fand ich ein Kunstwerk von ihr, welches mich bis heute faszinierte: “a hole to see the sky through” ´71. Ihre Ausstellung “color fly sky" (Ein Teil dieser Ausstellung ist noch als ständige Ausstellung im Frauenmuseum zu sehen) zeigte Objekte, Photos, Schriften und Filme aus den 60er bzw. 70er Jahren. Ihre Arbeit als Sängerin und Komponistin wurde miteinbezogen.
1962 machte sie als erste eine Austellung in Tokio, die nur aus Wandschriften und Musik bestand.
Diese Repräsentation erregte großes Aufsehen, warf sie doch alle bis dahin tradierten Vorstellungen von Kunstereignissen über Bord.
Sie arbeitete mit Free Jazz Musiker/Innen zusammen, bevor sie als bereits international bekannte Avantgarde-Künstlerin mit John Lennon ab 1966 zahlreiche Aktionen gegen den Krieg inszenierte.
Yoko Ono gehört zu den aktivsten eigenständigsten progressivsten Künstlerinnen der Fluxusgeneration in den Bereichen Bildende Kunst, Musik, und Film bzw. Video.
12 Jahre nach dem Tod ihres Mannes John Lennon, wurde sie in einigen Medien vor ihrer Ausstellung im Frauenmuseum immer noch als “Witwe” angekündigt. Für eine solche Negierung einer eigenständigen Künstlerinnenpersönlichkeit, gibt es keine männlichen Gegenbeispiele.
Natalia LL
aus Polen kam als nächste Fluxuskünstlerin im November 95 ins Frauenmuseum. Sie ist (nach Dr. R.-Misselbeck) die bedeutendste und international renommierteste Künstlerin Polens. Bereits in den 60-er Jahren füllten Dokumentationen ihrer "Consumption art” die Seiten internationaler Kunstzeitschriften.
Ein grundlegendes Prinzip ihrer Arbeit ist, daß ihre Fotografien keine Wirklichkeit abbilden sondern Fiktionen sind - ein konzeptionelles Vorgehen, in der das Medium Fotografie stellvertretend für andere künstlerische Aussagen eingesetzt wird ("Natalia LL“ - Katalog Dr. R. Misselbeck, Köln ´94)
Die Ausstellung von Natalia LL sorgte mehrmals für Aufregung bei verschiedenen Besucher/Innen. Die Banane, aus der “consumption art” aus den 60ern wurde zu unrecht nur als phallisches Relikt bezeichnet, denn sie ist ja nun mal weiblich!
Natalia LL’s schwarz weiße grafische “Altardecken” (dies ist nicht die Bezeichnung der Künstlerin) - entpuppten sich bei näherem Hinsehen als hocherotische Arrangements, welche die ganze Scheinheiligkeit einer Gesellschaft entlarven.
Tod und Erotik wurden hier humorvoll sarkastisch miteinander verbunden.
Eine Performance zum Nibelungenlied mit musikalischen Elementen aus der gleichnamigen Wagner-Oper verwirrte Besucher und Besucherinnen völlig - hier wurde heldenhaftes persifliert. Schade, daß für soviele Bewußtseinserweiterung Presse und Publikum oft nicht sensibel sind. Das Werk von Natalia LL ist wegweisend.
Marianne Tralau
ordnete sich selbst nie als Fluxuskünstlerin ein. Dies geschah zum erstenmal durch das Fluxeum in Wiesbaden.
Nach Ihrem Kunststudium, als Gobelinweberin ausgebildet, hat die Künstlerin eine sehr intensive Beziehung zu Textilien, insbesondere zur Wäsche. ”Indem die Wäsche ins Museum kommt, emanzipiert sie sich”, sagt Marianne Tralau. In unserer Gesellschaft ist die Hausarbeit ja weitestgehend unsichtbar geworden, und somit auch die Verdienste derjenigen, die sie verrichten.
Marianne Tralau gründete 1985 die KAOS Galerie in Köln. Ein kommunikativer kooperativer progressiver Ort der “anderen Art”. Jährliche Themenausstellungen der KAOS Galerie sorgen für “frische Luft”, so die Gründerin, in der Kölner Kunstszene.
Carolee Schneemann
aus New York setzt die Fluxusreihe im Frauenmuseum im Frühjahr 1997 fort. Sie war Tänzerin, bevor sie mit Fluxuskünstler/Innen zusammenarbeitete. 1967 veranstaltete sie ihr legendäres “meat joy erotik”: rohe Fleisch wurde in Verbindung mit Erotik gesehen. “Sie stieß zu“ Urzeitlichem und zu den Grundschichten der menschlichen Psyche vor” ("Fluxus-Virus" - Katalog der Galerie Schüppenhauer vom Fluxusereignis 1992 in Köln im Parkhaus am Neumarkt).
Ein Statement über Fluxus von ihr liegt meinem Vortrag bei.
Takako Saito
ist vom Anfang der Fluxusbewegung über den “Tod des Fluxus” (s. Performance von Al Hansen mit gleichn. Titel) - so es den überhaupt gibt, bis heute in der Kunstszene ständig präsent. Sie verzeichnet kontinuierliche Ausstellungs- und Performancetätigkeit über dreieinhalb Jahrzehnte hinweg in allen Kontinenten. In der Galerie v.d. Milwe in Aachen machte sie unlängst eine “3 Sekunden Performance”. Sie ist Erfinderin des "You and me - Shops", eine kommunikative Art des künstlerischen Austausches. In Venedig bei der Biennale ist sie regelmäßig vertreten. Takako beteiligt sich an weltweiten Friedensaktionen. Vor 2 Jahren gab sie ihre persönliche Zeitung “bullshit” heraus.
Takako Saitos Ausstellung ist im November 1997 im Frauenmuseum zu sehen.
Gerne würde ich noch über die weiterhin geplanten Austellungen der Fluxuskünstlerinnen sprechen, jedoch glaube ich, daß in diesem Rahmen die Zeit zu knapp ist.
Weitere der sind gewidmet:
Alison Knowles (New York), Bobby Baker (London), Concha Jerez (Madrid), Mieko Suomi (New York), Kubota
Für Anregungen zur Erweiterung meines Fluxushorizontes bin ich dankbar.......
Über die Gründe, warum Fluxuskünstlerinnen (nicht nur in der Literatur ... sondern auch in Museen, Kunstzeitschriften, Galerien etc.) unterrepräsentiert sind, und das trifft ja nicht nur für diese Kunstrichtung zu, sondern auch generell in der Kunst sowie auch in fast allen anderen Berufen fehlen in den Spitzenpositionen meist Frauen:
zb.
- kein kontinuierliches Arbeiten aufgrund abgebrochener Berufsausbildung (familiäre Strukturen hindern daran entsprechende Abschlüsse zu machen)
- arbeiten mit Lebenspartnern und dabei Vernachlässigung der eigenen beruflichen Entwicklung (Zuarbeit für den Partner)
- falsche Bescheidenheit/zuwenig Selbstbewußtsein, fehlendes Management und daraus resultierende Nichtbeachtung in den Medien
- Zurückhaltende Einstellung der Medien oder Institutionen gegenüber Künstlerinnen (wirtschaftliche Gründe - Familienphase, konventionelles eingefahrenes Denken, bisweilen sogar Frauenfeindlichkeit auf männlicher und weiblicher Seite etc.......... (Jan Hoet, der Ausrichter der letzten Dokumenta behauptet in einer Diskussion mit demonstrierenden Künstlerinnen, er habe “keine” (Künstlerinnen) finden können und einige wären schon gestorben. Ich hörte es selbst. Immerhin waren es aber schon 17 % während seiner Organisation.)
- die Geschichtsschreibung in allen Bereichen, nicht nur in der Kunst ist männlich
Künstlerinnen gibt es genausoviele wie Künstler!
Das Kölner Künstler/Innen - Verzeichnis beweist es!
Zum Abschluß komme ich noch auf den Gabriele Münter Preis zu sprechen. Ausgelobt durch Frauenmuseum, BBK und Frauenministerium will dieser Preis Künstlerinnen über 40 Jahren, die aus den genannte Gründen z.B. nicht von den “normalen” Stipendien, die meist nur bis 35 Jahre gewährt werden, eine Chance geben. Es bewarben sich bisher ca. 4000 Künstlerinnen.
Vielen Dank.
Ingeborg Broska
Düsseldorfer Str. 21
46313 Otzenrath (Jüchen)
Heimatmuseum Otzenrath

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