JÜRGEN RAAP
DER HANDLUNGSREISENDE
Ein Ballonverkäufer auf dem Rummelplatz bläst einen bunten Luftballon
auf, und dieser zerplatzt mit lautem Knall.
Ein Performer bläst während seines Auftritts einen Luftballon auf,und drückt so stark
auf dessen Hülle, daß er mit lautem Knall zerplatzt.
Ein Patient sitzt stumm im Wartezimmer, er starrt dumpf brütend vor sich hin.
Ein Performer steht in der Ecke eines Raumes und schweigt. Mit abweisender Mimik starrt er
das Publikum und niemand wagt es, sich zu rühren.
Der Schauspieler Harald Juhnke wird von seiner Gattin aus der Villa im Berliner Grunewald
herausgeworfen und zieht einen Abend lang durch die Kneipen der Hauptstadt. In einem Lokal
trifft er auch den PDS-Abgeordneten Gregor Gysi. Später randaliert Juhnke im Taxi. Die
Nacht verbringt Harald Juhnke im Hotel Kempinski, wo er sich beim Zimmer-Service
beschwert, daß man aus der Mini-Bar die alkoholischen Getränke fortgeräumt hat. Dies
alles steht am anderen Morgen in der BILD-Zeitung, nebst einer genauen Auflistung von
Juhnkes Zeche an Bier, Weißwein, Champagner, Wodka und Whisky und einem Interview mit
Juhnkes Arzt.
Jede Handlung ist absichtsvoll, auch wenn dem Handelnden die Absicht nicht immer bewußt
ist. Auch wenn man seine Zeit vertrödelt, weil man gerade nichts besseres zu tun hat,
verfolgt man damit eine Absicht, nämlich mit Nichtstun die Zeit zu überbrücken, bis es
wieder etwas zu tun gibt.
Es ist möglich, Performances auf dem Rummelplatz oder im Wartezimmer eines Arztes
aufzuführen. Indem der Performer dort oder in jedem anderen beliebigen Raum die gleichen
Handlungen begeht wie ein Ballonverkäufer oder ein Patient, verfolgt er damit eigene und
andere Absichten.
Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Handlungen im Alltag und Handlungen in
einem Kunst-Zusammenhang.
Bei Harald Juhnke wird die Sauftour erst durch die Medien zu einer Performance. Diese
Sauftour als Medienereignis ist wesentlich an die Prominenz des Schauspielers Juhnke
gekoppelt und an das öffentliche Interesse an seinen Eskapaden.
Ein ähnlicher Fall ist der Politiker Jürgen W. Möllemann. Zwei Wochen nach seiner
Wiederwahl zum N.R.W.- Landesvorsitzenden seiner Partei und am vorletzten Spieltag der
vergangenen Saison der Fußball-Bundesliga soll Möllemann anläßlich des Spiels FC
Schalke 04 gegen FC Bayern München aus 4000 m Höhe über dem Gelsenkirchener Parkstadion
mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug abgesprungen und auf dem Rasen gelandet sein. Als
Performance ist auch dieses Ereignis wesentlich an das Image von Möllemann gekoppelt,
immer wieder die Grenzen zwischen seriöser Politik und Show-Business zu verwischen.
Der Bayerische Rundfunk verbreitete erfundene Möllemann Meldungen: der
"Bundesforschungsminister Möllemann" wolle Jakob Creutzfeldt die Einreise
verweigern, da dieser am Rinderwahnsinn Schuld sei. Oder: der "Vorsitzende der
Nordelbisch-Lutherischen Kirche, Bischof Möllemann", wolle die Kirchensteuer
abschaffen. Anschließend wurden die Hörer befragt, was sie davon hielten: niemandem fiel
auf, daß die Zuweisung der Titel und Ämter nicht stimmte. Je absurder eine solche
Möllemann-Nachricht war, desto mehr wurde sie als wahrhaftig angesehen.
Es kommt also gar nicht so sehr darauf an, ob eine reale Handlung in einem realen Raum zu
einem konkreten Zeitpunkt, mithin in einer konkreten Situation, stattgefunden hat, sondern
es kommt auf die SIMULIERUNG einer solchen Handlung an, und manchmal schon auf die bloße
Behauptung, sie habe stattgefunden.
Hier setzt jener Mechanismus an, der eine tatsächliche oder vermeintliche Handlung zum
MYTHOS werden läßt. Der Mythos enthält Bedeutungen und nur diese sind wichtig.
Handlungen in der Performance können symbolisch sein, aber vom Selbstverständnis der
klassischen ART PERFORMANCE her sind sie keine Ersatzhandlung und keine Illusionismen. Im
konsequenten Verzicht auf die Illusion liegt bekanntlich auch der Unterschied zwischen
Performance und Theater.
Die moderne Linguistik, im Strukturalismus bei Ferdinand de Saussure und in der
"Generativen Grammatik" bei Noam Chomsky, arbeitet mit dem Begriff der
sprachlichen KOMPETENZ d.h. der Fähigkeit des Menschen zur Sprache. PERFORMANZ ist dann
die konkrete Sprachäußerung.
Jürgen Habermas hat diese Begrifflichkeit um die "kommunikative Kompetenz"
erweitert, und darauf baut die PRAGMALINGUISTIK auf: wir sind nicht nur in der Lage, im
performativen Sprechakt den semantischen Sinn einer Äusserung zu verstehen, sondern auch
den pragmatischen Verwendungszweck: mittels logischer Schlüsse begreifen wir eine
Äußerung "Es zieht" als indirekte Aufforderung, das Fenster zu schließen,
ohne daß dies expressis verbis gesagt wird.
Wir können eine Äusserung also als Wunsch oder Befehl verstehen, auch wenn nicht die
grammatische Form des Imperativs benutzt wird. Wir können auch eine Äusserung als
ironisch verstehen, d.h. wir können erkennen, daß das Gegenteil vom Gesagten gemeint
ist.
Im gestischen-bzw. aktionalen Bereich können wir auch die Bedeutung einer Handlung
erkennen. Dieses Erkennen beruht immer auf Erfahrung und bereits vorhandenem Wissen, so
wie uns geläufig ist, daß beim kirchlichen Abendmahl das Austeilen von Hostien und Wein
nicht nur eine simple Bewirtungs-Handlung ist, sondern eine mit mehrschichtiger ritueller
Bedeutung.
So ist denn auch der Fallschirm-Absprung von Jürgen W. Möllemann über dem
Fußballstadion nicht als simple Sportübung oder als Werbung eines Reservisten zu
verstehen, sondern als Zelebrierung eines Rituals, bei der nach eigenem Verständnis und
Ausleben seiner Eitelkeit Möllemann wie ein Heilsbringer auf die Fußball-Fans
herniederschwebt.
RUDOLF SCHARPING als ehemaliger Vorsitzender der SPD und OTTO REHHAGEL als Trainer von
Bayern München sind in ihrem jeweiligen Metier deswegen gescheitert, weil sie in dieser
Mediengesellschaft keine Performer sind.
Politik, Kommerz-Sport und Entertainment haben sich jedoch längst die Begrifflichkeit
einer Vulgär-Performance angeeignet, ihre Vertreter finden nur noch dann Akzeptanz, wenn
sie als Handlungsreisende in Sachen Selbstdarstellung zu überzeugen vermögen.
Vor diesem Hintergrund bekommen auch die Sauftouren von Harald Juhnke einen
Ritual-Charakter: sie sind nicht nur Ausleben eines Suchtverhaltens, sondern wirken
inszeniert, als ob sie mit dem Bild-Reporter abgesprochen seien. Und sie enthalten denn
auch alle Elemente der Tragik und der Komik wie bei einem Shakespeare-Stück. Sie holen
den Star, der seinem Publikum entrückt ist, wieder in die Niederungen des Menschlichen
und des Schwächlichen zurück - eben in einer Performance, die keinen Heroismus kennt und
kennen kann, weshalb auf der anderen Seite auch die Möllemannschen Versuche in Sachen
Heroismus in der Lächerlichkeit enden.
Der Performer arbeitet mit dem eigenen ICH, er spielt keine Rolle. Insofern ist Prince
Charles von Natur aus kein Performer, denn seine Rolle wird nicht von ihm selbst, sondern
durch die monarchische Tradition Großbritanniens definiert. Zum Performer wird er erst
da, wo er dieses Rollenverständnis samt seinen Zwangskonventionen nicht mehr durchhält
und damit eine gesellschaftliche Unantastbarkeit aufhebt.
Die kommunikativen Prozesse, die der Performer zum Publikum hin einleitet, haben nicht den
Charakter einer Verkündigung. Die Handlungen eines Performers sind somit nicht die eines
Priesters, denn im Unterschied zu diesem ist der Performer nicht an die Befolgung einer
Liturgie gebunden.
In der liturgischen Gerinnung würde sich die Intensität einer Performance Handlung
verlieren. In der Performance haben immer die kleinen, einfachen, banalen Gesten die
größte Eindringlichkeit:
Mit einem Stab an den Lamellen eines Heizkörpers entlang fahren und dadurch Geräusche zu
erzeugen.
Das Binden eines Krawattenknotens.
Einen Löffel Suppe essen.
Mit einem Billiardstock, eine Zigarettenschachtel umstoßen.
Ein Radio einschalten.
Mit einem Stück Brikett über den Fußboden schaben.
Kaffeebohnen zertreten.
Die Direktkeit solcher Handlungen hat nichts mit Brechtschem Verfremdungstheater zu tun.
Die Verweise einer Performance-Handlung sind weitaus weniger metaphorischer Natur, als oft
angenommen wird.
Ein Performance-Künstler aus Singapore trat in Düsseldorf auf und erklärte dem
Publikum, er habe während seines Auftritts Zigaretten und Kaugummi gekaut, weil in seiner
Heimat drastische Strafen verhängt werden, wenn man öffentliche Räume mit zerkautem
Kaugummi und Zigarettenkippen verschmutzt. Dies war der einzige Grund zum Einsatz dieser
Mittel.
Es gibt ein Fluxus-Stück von Georg Maciunas, bei dem an jede Person im Publikum zwei
Luftballons verteilt werden. Wenn diese dann aufgeblasen werden und ein Ballon in jede
Hand genommen wird und auf Kommando alle die Ballons aneinander hauen oder auf die
Oberfläche klopfen, ergibt sich bei etwa 30 oder 50 Teilnehmern in einem nicht zu großen
Raum ein Geräusch, welches einer allein mit zwei Luftballons nicht erzielen könnte. Es
geht nur darum, gemeinsam dieses Geräusch zu erzeugen.
Die Absichten einer Performance-Handlung sind nicht zweckgerichtet. Als absurd werden sie
oft nur deshalb empfunden, weil für manche im Publikum kein Bezug zum System der
Alltagslogik oder kein rationaler, kausaler Zweck erkennbar ist: man geht irgendwo hin, um
dort auch anzukommen, man ißt etwas, um satt zu werden. Geht man jedoch los und kehrt
ohne vernünftigen Grund kurz vor Erreichen des Zieles wieder um, oder bestellt man sich
im Restaurant nach einer durchaus sättigenden Mahlzeit noch ein Menue und läßt es dann
stehen, dann gilt das als absurd.
Ob etwas jedoch absurd ist oder nicht, kommt auf den Standpunkt des Beurteilenden an und
seine Fähigkeit, eine Kompatibilität mit einer gesellschaftlichen Norm zu erkennen oder
nicht zu erkennen.
Für mich jedoch ist es in höchstem Maße absurd, wenn Jürgen W. Möllemann über einem
Fußballstadion mit einem Fallschirm abspringt. Andere sehen darin einen gelungenen
PR-Gag, und wiederum andere trauen - ich sagte es schon - gerade Möllemann noch viel
absurdere Dinge zu.
Die Performance wird in ihrer Begrifflichkeit und in ihrer Bedeutung ENTWERTET, wenn Sie
UNTERHALTUNGSKULTURELL ausgeschlachtet wird.
Es können jedoch im außer-künstlerischen Bereich Handlungen stattfinden, die
Performance-Charakter bekommen.
Da gibt es einen Mann aus einem Vorort von Köln, der sich um Auftritte in jeder
Fernseh-Talkshow und jeder Game-Show bemüht, und der auch schon Dutzende solcher
Auftritte bei allen möglichen Sendern hinter sich hat: er kann zu jedem Thema etwas
sagen, macht jedes Spiel mit und geht jede Wette ein. Bei dem Überangebot dieser
Sendungen mangelt es inzwischen an Kandidaten, und so hat er fast mit jeder Bewerbung eine
Chance, vor allem, da er sich durchaus originell zu geben vermag.
Man kann ihn also durchaus als eine Art Performer ansehen, auch wenn er selbst sich nicht
als solcher begreift. Denn auf die Frage, weshalb er nach solchen Auftritten giere, meinte
er nur, er sei Frührentner und habe nichts anderes zu tun, außerdem sei es doch ganz
reizvoll, sich mit TV-Stars wie Harald Schmid, Alfred Biolek oder Thomas Gottschalk zu
umgeben.Und er schafft es, sich nicht vom Medium benutzen oder knechten zu lassen, sondern
das Medium für sich und seine Zwecke einzusetzen.
Es ist die HALTUNG, die bestimmten Handlungen im außer-künstlerischen Bereich eine
performancehafte Komponente verleiht. Einen Marktschreier, der vor dem Kaufhaus-Eingang
Räucheraale oder Küchenreiben anpreist, würde ich nicht als Performer ansehen, da seine
Rhetorik rein verkaufsstrategischer Natur ist, sich seine Haltung damit wesentlich von
jener des fernsehgeilen Frührentners unterscheidet: der Marktschreier bewegt sich immer
noch innerhalb gängiger Handlungsnormen, die für seinen sozialen Rahmen typisch sind,
der fernsehgeile Frührentner und Möllemann hingegen nicht.
Ein vergleichbarer Unterschied besteht zwischen der TRAVESTIE-Show im Varité und dem
TRANSVESTITENTUM als jeweils individuelle Durchlebung einer spezifischen Geschlechterrolle
im Alltag. Im einen Fall ist es die theatralisch inszenierte Show mit alle dem
Bühnen-Genre eigenen Illusionismen, im anderen Fall die Selbstdefinition von IDENTITÄT
und PERSÖNLICHKEIT.
Performance-Handlungen sind im wesentlichen an solche IDENTITÄTS-FAKTOREN gekoppelt, und
das unterscheidet sie von bloß zirzensischen Eskapaden, wie sie MARIO BASLER, NORBERT
BLÜHM, MARKUS LÜPERTZ oder UDO LINDENBERG bieten. Harald Juhnke hingegen: Lebt wirklich
in und mit der Identität des tragischen Alkoholikers, der diese öffentlich auslebt,
ebenso, wie die Identität Möllemanns aufgrund offenkundiger neurotischer Schwächen zu
absurden Zwangshandlungen führt, in denen sich sein wahres ICH offenbart.
Allerdings unterscheiden sich die Handlungsmuster von Juhnke und Möllemann qualitativ
voneinander:
JUHNKE setzt den eigenen KÖRPER als Mittel ein; die PHYSISCHE Extremität seiner Exzesse
ist Voraussetzung entsprechender Medien-Präsenz, während MÖLLEMANN eher ein VIRTUELLES
PHÄNOMEN ist. Anders ausgedrückt: Juhnkes Aktivismus und Aktionismus ist und bleibt in
höchstem Maße MATERIELL, er benutzt ja auch Alkohol als MATERIAL, während sich
Möllemann in den Meldungen über ihn IMMATERIALISIERT.
Daher wäre in der Philosophie Juhnke ein Anlaß zu ONTOLOGISCHER Betrachtung, Möllemann
hingegen weckt eher ein PHÄNOMENOLOGISCH orientiertes Erkenntnisinteresse.
In den Witzen, die ein Straßenbahnfahrer während der Fahrt über Bordmikrophon seinen
Fahrgästen erzählt, offenbaren sich Ahnungen, daß sein Leben auch hätte anders
verlaufen können.
Höchst eigenartige Orte in dieser Zeit sind Bodybuilding-Studios, in denen den Idealen
der antiken Skulpturen nachgeeifert wird - Herkules vergibt leihweise dopingunterstützte
Illusionen von Identität.
Ballonverkäufer auf dem Rummelplatz machen nur bei schönem Wetter gute Geschäfte.
Die Zeugen Jehovas stehen immer nur stumm vor dem Mc Donald´s und bieten ihre Traktate
feil. Dieses stumme Verharren ist ihr Markenzeichen. Es garantiert ihnen einen hohen
Wiedererkennungswert und ist dem Möllemannschen Gebaren diametral entgegen gesetzt, soll
aber zum gleichen Ergebnis führen.
50% aller Toilettenmänner lösen während der Arbeitszeit Kreuzworträtsel. Das gehört
zum Ritual wie die Groschen, die man auf ihr Tellerchen klimpern läßt. Im früheren
Lokal "Santa Marlena" auf dem Hohenzollernring bestand der Zugang aus halbhohen
hölzernen Schwingtüren wie in einem Western-Saloon, und es waren zumeist die als
Zuhälter Erkennbaren unter den Gästen, die mit breitbeinigem Cowboy-Gang von der
Toilette zurück kamen. Auch ein Ritual
Im Karneval hatte sich ein Pfarrer als Priester verkleidet
In vornehmen Restaurants kann der perfekte Service eines Kellners furchteinflößend sein.
Der deutsche Hausmeister liebt Auftritte, in denen er Zurechtweisungen aussprechen kann.
Dabei kann er die Ausübung von Macht genießen. Nichts, fürchtet er mehr, als daß es
keine Anlässe zu Zurechtweisungen mehr geben könnte, weil er sich dann machtlos fühlen
würde. Er verwechselt diese Machtausübung mit Freiräumen. Da er nicht in Freiräumen
lebt, führt er auch keine Performances auf.
Der FREIRAUM der Performance definiert sich über die Verfügbarkeit bezüglich der
Bedingungen des eigenen Handelns.
Das Wartezimmer einfach verlassen, wenn man keine Lust mehr hat, zu warten.
(Copyright-Vermerk: Externe Verwendung und Vervielfältigung des Textes, d.h.außerhalb
der "Performance Konferenz" nur mit ausdrücklicher Genehmigung.) |