SOL LYFOND
EINE KURZE BESCHREIBUNG DER PERFORMANCE

Performance ist bewußtes Träumen.

Wenn es überhaupt möglich ist, eine Kunstform in einem Satz zu benennen, dann vielleicht mit diesen vier Worten. Ich möchte das Wagnis einer solchen Reduktion aber aus zwei Gründen eingehen: zum einen möchte ich einen knappen, klaren Performance-Begriff in den Raum stellen, weil mir die wabernde Unverbindlichkeit, mit der Performerlnnen allzuoft auftreten, zum Hals heraus hängt. Ich empfinde die Ex- und Hopp-Seicht-Leichtheit vieler Performances, in denen gerade mal ein zufällig gefundener Gag oder ein schnelles Sex&Crime-Sensatiönchen über die Bühne gebracht wird, als Mißbrauch dieser außergewöhnlichen Kunstform. Performances sind keine momentanen Blähungen, sondern eine Form bildender Kunst, die im Bereich der künstlerischen Sprachen für mich eine herausragende Bedeutung hat. Diese Bedeutung herauszustellen, ist der zweite Anlaß meiner kurzen Beschreibung.

Denn in der Gleichsetzung der Performance mit bewußtem Träumen sind zwei wesentliche Eigenschaften enthalten, die auch im menschlichen Ausdruck von besonderer Bedeutung sind: das Träumen und das Bewußtsein.
Die Tatsache, daß jeder Mensch träumt und daß diese Träume immer dynamische, nie statische Bilder sind, gibt der Performance die Chance, näher als fast alle anderen Kunstformen an einen existentiellen Ausdruck menschlichen Bildgestaltens heranzukommen. Die Performance kann durch ihre Eigenart, ein traumartiges fließendes Bild in Raum und Zeit zu sein, eine besondere Faszination im Publikum auslösen, erinnert sie doch an die Ästhetik der Träume und an Urkräfte menschlichen Gestaltens. Traumartige Bilder wie: Mythen, Glaubenswelten, Märchen, Legenden, waren ja auch die Vorlagen für die statischen Gestaltungen, die wir heute bevorzugt Kunst nennen: für Malereien, Skulpturen, Objekte, Zeichnungen. Noch heute werden in einigen ursprünglichen Kulturen die im Dienste der zentralen Handlung stehenden Masken, Figuren, skulpturalen Objekte einfach weggeworfen, sobald sie nicht mehr ”wirken”; was bleibt, ist die sich verändernde "Performance”, die im Zentrum der Gemeinschaft die Verbindung zu den schöpferischen Kräften herstellt. Heute jedoch verehren wir die Abfallprodukte der künstlerischen Prozesse in den M(a)us(ol)een, wodurch der Performance die besondere Bedeutung zukommt, erstarrte, verstaubte Räume der Kunst aufbrechen und revitalisieren zu können, ohne in überlebte Vergangenheiten zurückfallen zu müssen.
Der Verlust dynamischer Bilder hat aber auch außerhalb der Kunstreservate zu monotonen Erstarrungen und öder Gleichförmigkeit geführt, bedingt durch eine Dominanz des Logisch-Funktionalen und eine Abwertung des Assoziativ-Mehrschichtigen. Auch hier sehe ich für die Performance eine besondere Rolle, indem die Performance ein Verflüssigen von Raum und Zeit durch das Verweben mehrerer Motiv und Handlungsschichten sowie durch das Einweben von Improvisation und Zufall ermöglicht. Die Performance kann dadurch ein fließendes, mehrschichtiges Bild erzeugen, das zur Engstirnigkeit der Jetzt-Zeit eine Spannung herstellt, aus der heraus wie in der Elektrik Ströme der Assoziation und neuer Ideen sprudeln können. Die heutige Ausschaltung von Gegen-Polen hat zu einer Lähmung und Stauung der Bilder-Ströme geführt, die bei denen, die am wenigsten auf sie verzichten können und doch am stärksten an ihrem Ausdruck gehindert worden sind, zur Schizophrenie führt. Diese ist ein Fluß von wichtigen Bild-Signalen, in denen das Individuum ertrinkt. In der Performance kann unter der Voraussetzung, daß der/die Performerln dem Bilderstrom gewachsen ist, eine Atmosphäre erzeugt werden, in der durch das Verstehen der Bilder-Sprache jene Lähmung und Stauung aufgelöst wird, die nicht nur einzelne Individuen, sondern inzwischen eigentlich unsere gesamte Kultur ergriffen hat.
Damit dies aber möglich ist und das performende Individuum nicht Opfer seiner Bilder wird, muß meiner Ansicht nach zum assoziativen Träumen auch das bewußte Gestalten treten.
Unter bewußtem Gestalten verstehe ich die Fähigkeit, konkrete, lebensfördernde Inhalte zu entwickeln und in bestimmten Motiven, Materialien, Abläufen umzusetzen. Dies setzt voraus, sich selbst und die umgebende Welt zumindest im Kern zu wissen. Dazu gehört der Wille zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Gegenwärtigen, ein analysierendes Auflösen wie in einem Sieb oder einer (al)chemischen Versuchsapparatur, um das eigentliche Substrat aus dem "Realen” herauszudestillieren. Ohne diesen Extrakt eines lebensbezogenen Wissens scheint mir jedes künstlerische Schaffen sinnlos, denn jede Substanz, jede kritische Entlarvung und jedes Angebot zur Alternative müssen dann fehlen und damit jeglicher Antrieb zur Kunst. Ohne die Hartbestandteile des Wissens werden gerade Performances zu ungenießbaren wabernden Motivschwaden, denen dann auch kein Gag oder Knalleffekt mehr helfen kann.
Es ist ja gerade eine ausgezeichnete Eigenschaft der Performance, daß der/die Künstlerln "leibhaftig” auf der Bühne erscheint und das Bild macht. Das Medium Performance erfordert damit eine viel stärkere Anwesenheit und Präsenz des/der Künstlerln als z.B. die Malerei oder die Bildhauerei. Die künstlerische Substanz ist gefragt, der/die Performerln muß sich stellen, und dazu gehört eben ein Wissen über sich selbst, ein Rückgrat, ein Beständiges, das wirklich anwesend ist. Illusionen haben wir schon genug. Zur Performance gehört für mich der Wille zum verdichteten Eingriff, zum gezielten Angriff auf die Gegenwart, um die Grenze zu einer kunstvolleren Zukunft aufzureißen. Wer diesen Willen nicht hat, sollte zu RTL gehen und Videoclips drehen, aber die Finger von der Performance lassen. Durch Wissen erst wird das künstlerische Ich anwesend und in die Lage versetzt, Positionen zu setzen, aus denen heraus sich Negationen und weitere Positionen bei den Kunstbetrachtenden setzen, also diejenigen kommunikativen Ströme in Gang gebracht werden, ohne die jede Kunst wertlos ist.
Und gerade heute, in der häßlichen Gestalt einer schizophrenen Zivilisation, in der wir völlig verwirrt, manipuliert, betäubt durch die Gegend nebeln, ist Wissen nötiger und möglicher denn je. Sich selbst zu wissen ist notwendig, um sich von der totalen Anästhesie zu entgiften. In diesem Sinne bewußt zu gestalten, bewußt im Spiel des Zufalls zu performen, entsteht eine Ästhetik des Realen, der die Performance allein schon durch ihre Handlungsgegenwart sehr nahe steht. Wenn Ästhetik der Wortwurzel nach so etwas wie "in Erscheinung treten” ist, dann erfordert sie gerade in der Performance eine besondere Klarheit, weil ohne sie schon beim Erscheinen des/der Performerln sofort wieder nur ein benebelnder Schleier, also Anästhetik, in Erscheinung tritt. Auch die besondere Möglichkeit der Performance, nicht nur die Augen, sondern auch weitere Sinne anzusprechen, erfordert eine umso klarere Struktur der bewußt gewählten Motive. Anderenfalls nämlich entstehen Performances getreu dem Spruch "Träume sind Schäume”, aus denen sich selbst beim besten Willen der Performance-Zuschauerlnnen nichts Bleibendes, nichts Festes, nichts Wesentliches mitnehmen läßt. Um zu einer Ästhetik des Realen zu kommen, sollten Performances wie Träume so gestaltet sein, daß sie deutbar sind, daß sie neben der Atmosphäre und dem Freiraum für Assoziationen auch Spuren hinterlassen, die zu einem bewußten Kern zusammengesetzt werden können. Denn - so paradox das klingen mag - ohne bewußte Gestaltung entsteht kein rätselhaftes Bild. Ohne enträtselbaren Kern mutiert jedes Rätsel zu unverbindlichem Blabla, und ein solches Bild ohne einen verborgenen Schatz verliert bei allen Betrachterlnnen über kurz oder lang jede Faszination, jeden Trieb zur Auseinandersetzung.

Gerade diese Faszination, diese Auseinandersetzung braucht die Performance als eine unterschätzte, bedrohte Kunstform. Ich hoffe, mit dieser kurzen Beschreibung der Perforrnance deutlich machen zu können, daß die Performance als paradoxe Einheit, zugleich "träumend” und "bewußt” zu sein, eine starke Nähe zum Menschen besitzt, daß sie dadurch besondere Möglichkeiten zu intensivem Ausdruck menschlicher Existenz bietet und daher unter den Kunstformen eine außergewöhnliche Stellung besitzt.

Performance ist kein Aktionsfurz.

Performance ist bewußtes Träumen


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