ENNO STAHL
PERFORMANCE UND REZEPTION
Viele Leute haben grundsätzliche Argumente gegen Performance. Die sehen
etwa so aus: "Was soll das (=kann ich nichts mit anfangen)?"
Oder: "Dieser Kaspar steht in der Ecke, macht Muh!, und das soll dann schon ne
Performance sein (=kann ich auch)?"
Oder: "Ich halt grundsätzlich nichts von Performances, is 'eh nur Scheiß."
Oder aber die Version der (angeblichen) Kenner: "Hats eh alles schon gegeben.
Performance ist eine Ausdrucksform der 60er, 70er Jahre, und spielt heutzutage keine Rolle
mehr."
Alle diese Positionen haben gemeinsam, daß sich ihre Autor/inn/en von vornherein und aus
einer zugrundeliegenden Borniertheit nicht auf die Performance als Medium und Situation
einlassen. Performances aber muß man erfühlen, man muß sie an sich ranlassen
(körperlich). Man muß die Spannung empfinden, ja die Spannung des Performers selbst
nachspüren, mitspüren. Diese unmittelbare Gefühlsübermittlung ist die (einzige)
Rezeptionsweise des Performance-Mediums, das gilt selbst für ihre intellektuelleren
Ausprägungen. Denn auch dort ist das Vehikel des Transfers ein rein sinnliches, ausgehend
von der Körperlichkeit (des Performers und des Publikums), von der
Raumbeschaffenheit wie allen weiteren sensuellen Bedingungen des Augenblickseins.
Die Performance ist die Dauer des gemeinsamen Angespanntseins in einer dreidimensionalen
Gegebenheit. Diese wird geschaffen von Publikum und Performer, nur dann kommt es zur
Performance.
Der Performer entwickelt Freiheitsspielräume, die wir als Zuschauer selbst nachvollziehen
können (oder könnten). In diesem Sinne ist jeder Performer. Die Seinsmodelle, die hier
inszeniert werden, sind (oder wären) für jeden von uns ebenfalls inszenierbar. Als
Erweiterung des privaten Lebensbereichs oder als körperliche Erkenntnis unserer selbst.
Hier liegt im übrigen der Gewinn, den man aus der Performance beziehen kann - über die
(letztlich auch nur unterhaltende (selbst wenn: intellektuelle)) Spannung hinaus:
Lebensmöglichkeiten, Freiheitstatsachen, körperliche Spielräume, die Erweiterung der
individuellen Phantasie ("Auch das ist jetzt eigentlich ne Performance!") -
alles dies wird vorgeführt. Daher ist Performance nie nur ein einfaches, künstlerisches
Produkt (wie ein Bild oder Buch), sondern zugleich eine Herausforderung und ein Imperativ.
Auch vom Zuschauer wird letztlich eine Änderung erwartet. Niemand kann jahrelang zu
Performance-Veranstaltungen gehen und so tun, als sei das bürgerliches Theater, das man
sich anschaut, sich ergötzt und wieder geht.
Jemand, der sich mit Live-Art abgibt, muß wissen, was er/sie tut. Am Ende gibt es für
jede/n eine Bühne - und sei es das Leben selbst.
& weiter: Permanente Performance
Ich kann wenig Sinn darin entdecken, die Performance überall &
ständig zu vermuten, quasi als das Leben in permanenter Produktion von Leben.
Denn wozu dann 1 Begriff "Performance"? Offensichtlich vermittelt diese ja
gerade bestimmte Situationen & Momente, die eben nicht ganz das übliche (Leben) sind.
Interessant aber an diesem Argument ist, daß es verdeutlicht, in welch einem Zusammenhang
Performance zum "Leben selbst" stehen muß. Daß beides mitunter zum Verwechseln
ähnlich sein kann. Daß jegliche Lebenstatsache mühelos Teil 1 Performance werden kann,
allein mittels Auswahl und Stilisierung durch den/die Performer/in. Mehr als jedes andere
Kunstmedium steht Performance in dieser Verknüpfung, Performance und Leben sind
unauflösbar verbunden, Performance "besteht aus Leben" (Körper, Geste,
Bewegung & deren Interpretation). Aber. Performance ist nicht das Leben. Wäre
sie es, fände keine Deutung statt, sondern nur reproduziertes Sein. Daß Performance aber
"aus Leben besteht", das heißt, dieses selektiv exzerziert & bestimmte
Prozeduren analytisch begleitet, enthebt sie des Warencharakters, der Kunst heute
automatisch vereinnahmt, und macht sie zu 1 Tatsache des unmittelbar-nachvollziehbaren
Umfeldes. Hieran knüpfen sich sowohl die Möglichkeiten angemessener Rezeptionen als auch
das ideologiekritische und interpretative Potential der Performance-Kunst.
Das Leben selbst ist nicht zu verstehen; es erhebt keine Aussage über seine Bedingungen
und Hintergründe, es gibt keinen Schlüssel an die Hand zu seiner Deutung. Die
Performance hingegen ist ein solcher Schlüssel - sie ist Kunst, ohne Kunst sein zu
wollen. Sie tendiert zum Leben & erweist sich damit als maßgebliches und direktes
Resultat der historischen Avantgarde und ihrer Bemühungen, Kunst in den unmittelbaren
Lebenskontext zu überfürhren. Aus dieser traditionsmäßigen Einordnung ergibt sich der
gesamte Rest - die Weigerung, die Revolte & die Herausforderung.
Performance ist die Verweigerung künstlicher Ware, die Opposition gegen bestimmte
vorgegebene Kunst- & Lebensmodelle & die Herausforderung (Verführung) des
Zuschauers, den Pfad zu verlassen, die Umgestaltung seiner Lebensbedingungen
herbeizuführen.
Noch 1 letztes Argument aus der umgekehrten Perspektive: Wäre Performance überall, wäre
sie identisch mit dem Leben (& machte sie es sich nicht nur zu nutze), entspräche sie
ja notwendig dessen warentechnischen Konservencharakter, Hülle ohne Inhalt, und böte
keinerlei Möglichkeiten zu dessen Überwindung. |