VOLKER HAMANN
ZUM FRAGENKATALOG DER PERFORMANCE KONFERENZ

"Der Wind bläset, wo er will,
und du hörest sein Sausen wohl;
aber du weißt nicht,
von wannen er kommt
und wohin er fährt.”

Johannesevangelium

A

Perform! Mit Präsenz ist Alles Mögliche möglich

(Eine künstlerische Definition von Performance.)

Performances, die wesentliche Fragen der
Performance aufwerfen, machen wesentlichere Fragen
sichtbar.

Wer Denkt in einer Qualität über Performance wie
Aristoteles in "Die Poetik" über
das Wesen der Künste oder Dschuang Dsi in "Ausgleich
der Weltanschauungen” über Erfahrung
und Weltzusammenhang?

B

Präsenz und Medien: Werden Medien benutzt, oder findet die
Perfomance nur virtuell statt, ist es egal, mit welchem Medium
man einen Raum der Möglichkeiten offenhält. Wir müssen nicht
gegen Apparate und Technik kämpfen, sondern gegen ihre
Anwendung als Mittel, "Möglichkeitsräume” (wie bei Vilem
Flusser gedacht) zu verschließen und zu unterwerfen.

In unserer Situation wird bei Video- und Internet - Performances
noch nicht so bewußt, daß diese Medien so simplifizierend und
komplexitätsreduzierend sind wie andere. Nur wenigen gelingt
es, die in Perforrnance verwendeten elektronischen Medien mit
Mitteln dieser Medien in Frage zu stellen.

Wer wahrnimmt, wie Hans-Jörg Tauchert eine Videokassette in
einer Performance behandelt, erfährt etwas über die
Möglichkeiten des Mediums Video, das standardkonditionierte
Performance - Filmchen nicht transportieren können.

Ein Verständnis dieses Kontextes vorausgesetzt, zeigen sich
"Medienperformances”, die körperliche Präsenz vermissen lassen,
ohne das zu thematisieren, als Hülsen für Zeichenmüll. Es ist
bisher kaum ausgelotet, wie körperliche Präsenz in der Arbeit
mit digitalen Netzwerken in künstlerischem Sinne produktiv sein
kann. Ein Atavar, eine Kunstfigur im Cyberspace, ist als
Performer solange billiger Abklatsch, wie sich dadurch keine
tatsächlichen Möglichkeitsräume öffnen. Videodokumentation
von Performance, die keine neuen Möglichkeitsräume eröffnet,
ist Bewußtseinsverschmutzung und Archivdreck.

Auf Perfrmancekonferenzen sollten nur akkreditierte
Fotografen und Videonauten arbeiten, die ihr Dokumentations-
medium kritisch reflektieren können. Es wäre zu überlegen, wie
wir uns gegen jemand schützen, der so impertinent, unsensibel
und störend Bilder saugt (in seinen Augen "professionell”) wie
Geoffrey Forrest.

Derweil flüstert der gegenwärtige Medienapparat, jedes
armselige eingefangene oder konstruierte Bildchen sei eine
grandiose Erweiterug unserer Möglichkeiten. In wenigen
Jahren werden Unmengen von Datenträgern, die man wie
lebenswichtige Schätze behandelt hat, als Müll erkannt.

C

Eine Frage im Hintergrund der Konferenz: Warum kann unsere
künstlerische Qualität nicht einfach Erfolg am Markt haben?

Auch diese Frage erledigt sich eigentlich durch das unter "A!"
gesagte. Wenn wir dennoch darüber reden, wie weit wir gehen
können, ohne die Seele von Performancekunst zu verkaufen,
fällt sicher auf, daß "marktgerecht” nicht "performancegerecht”
ist. In der Auseinandersetzung mit diesen Widersprüchen wäre
gefordert, sich das subversive Potential von Performance bewußt
zu machen, es als Wert zu erkennen und einzusetzen.

Einschränkende Definitionen von Performance können sinnvoll
sein, sollten allerdings in Ruhe, ohne ideologische
Überspanntheit, daraufhin untersucht werden, ob sie dem
Ausscheiden künstlerischer Freiheit zwecks Zuschneiden,
Zurechtstutzen und Verpacken eines verdinglichten Produkts
Vorschub leisten.

Bevor sich die Performancekunst durch Vermarktung oder
mentale Vergreisung selbst erledigt, werde ich aus der
Perfomance austreten.

Nini Flick und ich sind dann mit dem Wiederfinden der
wahrhaftigen Kunst beschäftigt (vergleiche Nini Flick
"Leserbrief einer involvierten Beobachterin").

Fragenkatalog:

1. Frage:
Was ist der entscheidende Unterschied, zwischen einem Auftritt,
einer Performance und einem Auftritt der Gattung Tanz, Musik,
Kabarett, Literatur, etc.?

Antwort:
Die Qualität einer Performance und ihre gesellschaftliche
Wirkung hängt nicht primär davon ab, wie Performance im
Allgemeinen definiert wird, sondern davon, ob es einem
Menschen gelingt, eine Qualität aus seiner (inneren-äußeren)
Welt zu schöpfen.

Eine gesellschaftliche Definition ergibt sich aus den wirksamen
künstlerischen Individualitäten, die in Beziehung stehen oder in
Beziehung gesetzt und interpretiert werden.
Kunsthistoriker ziehen davon eine Definition ab, wenn sie reif ist.

Ich bevorzuge, daß die Individualitäten sich in Beziehung
setzen und sich selbst definieren - auch wenn es scheinbar
so aussieht, als würde ich Definitionen verweigern.

2. Frage:
Was ist der entscheidende Unterschied, der eine Handlung,
einen Auftritt Performance, Aktion, Happening, Event, etc.
nennt?

Antwort:
Siehe 1. Frage.

3. Frage:
Welchen Stellenwert hat die Intention des Bezeichnens?

Antwort: Dem Bezeichnen entkommt niemand. In einer
Performance übemehme ich die Verantwortung für das von mir
intendierte und das nicht intendierte Bezeichnen, nicht aber für
die Bilder, die sich in den Köpfen der Betrachter einstellen.

4. Frage:
Welchen Stellenwert hat die Intention, sich in
einen Rahmen, in einen Bezug zu setzen?

Antwort: Rahmen und Bezug entkommt niemand. In einer
Performance übernehme ich die Verantwortung für den von mir
hergestellten Rahmen und Bezug, nicht aber für den Rahmen
und Bezug, den die Betrachter herstellen.

5. Frage: Was hat eine Person / KünstlerIn davon, seine
Handlung Performance zu nennen?

Antwort:
Der Krankheitsgewinn differiert von Person zu Person, es gibt
deshalb darauf keine allgemeine Antwort.

6. Frage:
Gibt es einen genau zu definierenden Faktor, der eine Handlung
an und mit einem Gegenstand Performance nennt oder bezeichnet?

Antwort:
a) Wenn es keine Performance mit Nicht-Handlung und ohne
Gegenstand gibt, wird's Zeit, eine zu realisieren.

b) siehe A: Präsenz.

7. Frage:
[Himmel, erspare mir, sie zu wiederholen]

Antwort:
Siehe Frage 1 und siehe A: Präsenz.

8. Frage:
[Himmel, erspare ...]

Antwort:
a) Die Lösung liegt nicht Auflisten der einzelnen "Grundbilder”
(was immer das auch sei), sondern in Performances, die sich auf
einen Dialog mit den verwandten und fremden Phänomenen in
anderen Kontexten einlassen. Die Lösung ist nur dann nicht
utopisch, wenn Performer die darin liegende mögliche
Vertiefung ihrer Arbeit erkennen und umsetzen.

Dann könnten wir gezielt und von einem eigenen Standpunkt
aus (der keine patentierte Definition sein darf) in einen Dialog
mit anderen Bereichen treten: mit bestimmten parallelen
Gattungen, bestimmten Kunstformen, bestimmten Bereichen von
bewußter und unbewußter Performance, die nicht in unserem
kulturellen Sinne definiert sind. In der Praxis könnte es
beispielsweise Performance Veranstaltungen geben, die
vorsichtig thematisch orientiert den Dialog mit einem
bestimmten Bereich suchen.

Die Sprache der Performance ist eine komplexe und diverse
Einheit. Einer Liste der Fälle darf nicht mehr Bedeutung gegeben
werden als einer vorübergehenden Stoffsammlung.

9. Frage: [Himmel ...

Antwort:
a) Vielleicht würde ich die Frage verstehen, wenn mir jemand
erklärt, was mit "körperliche Entsprechungen leiblicher
Erkenntnismethoden” gemeint ist.

10. Frage:
Kann man Performance als Übersetzungskunst sehen?

Antwort:
a) Gibt es eine Kunst, die man NICHT als Übersetzungskunst
sehen kann?
b) WER übersetzt WAS, aus welcher QUELLE, WARUM für
WEN, WIE mit welchem Medium, WOHIN und WOZU?

11. Frage:
[Himm...!]

Antwort:
Quatsch! Blödsinn!

12. Frage:
a) Wenn an jedem Ort der Welt gehandelt wird, ist dann der
Begriff Performance überhaupt zulässig?
b) Was bedingt diesen Hang, jede Definition von Leben als Tat
dann doch in die Kunstwelt zu überführen, - Performance - Art
zu praktizieren ?

Antwort zu a:
Auch wenn es an jedem Ort der Welt meteorologische
Erscheinungen gibt, darf eine bestimmte Art dieser
Erscheinungen oder Nicht-Erscheinungen benannt werden.

Zum Beispiel der "Sonnenschein”: Jede Kultur, die Sonnenschein
ausgesetzt ist, hat dafür eine andere Bezeichnung. Es differieren
die Bedeutungen in dem von einer spezifischen Kultur
verwendeten Wortfeld, das analog zu "Sonne schein” ist. Doch
bleibt der Sonnenschein (beziehungsweise "die Kunst der
Performance an sich”) davon ganz unbeeindruckt.

Es finden sich immer Engstirnige, die meinen, die Anderen
wurden keinen Sonnenschein kennen, ja die Sonne würde dort
garnicht scheinen, denn sie würden ja nicht so über
Sonnenschein sprechen wie man selbst. Unter den Engstirnigen
erwähnenswert die Eiferer, die den Anderen verbieten möchten
eine eigene Auffassung von Sonnenschein zu haben und dem
Sonnenschein einen eigenen Namen zu geben.

Antwort zu b:
a) Die ganze Welt ist eine Kunstwelt, nichts anderes ist mehr
übrig. Ach, ist vielleicht die Kunstmarkt-Welt gemeint?
b) Wenn die Vögel nur laut sind, um ihr Revier
zu markieren, würde es reichen zu krächzen.
d) Ich möchte eine freie Arbeit machen und dafür bezahlt
werden. Ob sie als "Kunst” gehandelt wird, oder nicht, ist
vielleicht erst an fünfter Stelle von Bedeutung. Dann aber doch.

13. Frage:
Wo beginnt der Unterschied: eine Realität setzen, die den
Anspruch auf Allgemeingültigkeit hat und die Realität die aus
der Notwendigkeit laufender Ereignisse resultiert? (Siehe hierzu
die Projektidee CURRENT AFFARS)

Antwort:
Meine Herren, empfehle diese Frage einer vom Heiligen Geist
frisch geschwängerten Künstlerin vorzulegen.


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